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Dieter Jeromin: Was die Atmung mit Angst und Stress verbindet.

Wenn wir Angst haben, atmen wir schneller und wenn wir keine Luft bekommen, bekommen wir Angst. Diese Reaktionen sind den meisten von uns vertraut und wir wissen auch, dass uns bei einem plötzlichen Schrecken die Luft weg bleiben kann. Unsere Stimmungslage hat somit eine direkte Auswirkung auf das Atemverhalten. Bei Anspannung und Stress neigen wir zur Hyperventilation, während unsere Atmung ruhig und entspannt wird, sobald wir es schaffen, uns selbst auch zu entspannen.

 

Die Physiologie lehrt uns, dass bei Angst, Aufregung oder Stress unser sympathisches Nervensystem eine Erweiterung der Luftröhre und der Bronchien bewirkt. Stress ist eine wichtige Kampf- oder Fluchtreaktion, die viel Energie benötigt. Durch die vertiefte und schnellere Atmung wird mehr Sauerstoff für die Kampfbereitschaft verfügbar gemacht. Bei Schock- oder Schreckreaktionen wird hingegen durch eine parasympathische Überaktivität eine Verkrampfung der Bronchiolen ausgelöst. Beim Ausatmen wird daher seltener und weniger geatmet. Dies äußert sich subjektiv als Atem anhalten, Zuschnüren der Kehle, Gefühl eines „Knödels“ im Hals, sowie allgemeine Schwäche, Schwindel, Benommenheit, und Erstickungsangst.

 

Diese Zusammenhänge wurden vielfach in der Literatur zur psychosomatischen Medizin ausgeführt, so z. B. von Franz Alexander, Max Schur, Alexander Mitscherlich und Thure von Uexküll um nur einige zu nennen. Was dabei aber manchmal vergessen wird, ist die umgekehrte Wechselwirkung. Wir halten den Atem an zur Unterdrückung von unangenehmen Gefühlen und zur Linderung von Schmerzzuständen und tiefes Durchatmen erlaubt uns oft zu Weinen, was bei Angst und Stress auch durchaus gut und entspannend sein kann.

Dies eröffnet uns aber auch zugleich die Möglichkeit, bewusst durch das Atemverhalten unser Befinden und unsere Stimmungslage zu steuern.

 

Dies wurde bereits vor etwa 3000 Jahren in Asien entdeckt und in Indien mit dem Begriff Prana und in China mit dem Begriff Qi beschrieben. Brahmanische Priestern wurde wohl bewusst, dass sie dem Gesang der Veden mehr Kraft verleihen konnten, wenn sie ihre Atmung kontrollierten. Dies ging später auch in den Pranayama Yoga ein, dessen älteste Niederschriften, die Yoga Sutras, auf 500 v. Chr. zurückgehen. Es findet sich sodann auch in dem “Om-Gesang” des Jainismus, der Silbenfolge “Sa Ta Na Ma” der Kundalini-Meditation und warum nicht auch dem Rosenkranzgebet der katholischen Kirche.

 

Um unser Wohlbefinden zu steigern und dabei möglicherweise auch einen instabilen Bluthochdruck zu verbessern, wie dies in jüngerer Zeit von Justin Feinstein bei seinen Schwebeversuchen gezeigt wurde, sollten wir fünf bis zehn Minuten lang ruhig atmen mit jeweils idealerweise 5,5 Sekunden für jedes Ein- und Ausatmen, das sind 5,5 Atemzüge pro Minute. Carl Stough (1926–2000) hatte bereits die Vorzüge solch eines Atemverhaltens beschrieben und nach dessen eigenen Angaben Lee Evans damit zur Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Mexiko verholfen. Durch das langsamere Atmen wird die Kohlendioxid-Spiegel im Blut aufrechterhalten, der wiederum die Blutgefäße erweitert und eine bessere Blut- und Sauerstoffzufuhr erlaubt.

Wer mit der Technik der Achtsamkeit vertraut ist, kann die positive Auswirkung solch einer erholsamen Atemphase bewusst erleben, indem er die Augen schließt und seinen Körper - gleichermaßen wie aus einer inneren Entfernung - unvoreingenommen beobachtet.

 


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