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Dieter Jeromin: COVID-19, die heimliche Revolution

Das Wort “heimlich” steht hier in dem Sinn von “still und leise”, denn “geheim gehalten” oder “verborgen” kann es keinem mehr bleiben: Die Welt und unser tägliches Leben in ihr ist dabei sich in relativ kurzer Zeit radikal und unwiederbringlich zu ändern. Dies entspricht der Definition einer Revolution, im Gegensatz zu Reformen oder einer Evolution, die langsam ablaufende Entwicklungen ohne tiefgreifenden Wandel beschreiben.

 

Laut Mario Herger (Corona als Chance, 2020), hat COVID-19 die Weltwirtschaft abgewürgt, hunderttausende Menschen getötet, und uns doch zugleich technologisch und gesellschaftlich weitergebracht, als jahrelanges Reden über digitale Transformation und Grundeinkommen es schafften. Und wie bereits Georg Büchner in “Dantons Tod” schrieb, “die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder.” 

 

Diejenigen von uns, die überleben, und das sind alle, die diesen Text lesen können, haben sodann eine glänzendere und hoffnungsvollere Zukunft vor sich, denn vieles verspricht schon jetzt ein besseres Leben als wir es vor diesem Umbruch gekannt haben. In Anlehnung an Thomas Kuhn (geb. 1922 in Ohio) können wir auch von einem Paradigmenwechsel (“paradigm shift”), einem grundlegenden Wandel der Rahmenbedingungen und einer Änderung der Lebenseinstellung sprechen.

 

Als sich im Frühjahr 2020 die Viruspandemie weltweit ausgebreitet hat und von einer kleinen Grippewelle bis hin zur kompletten Apokalypse zu eskalieren drohte, wurde plötzlich alles still, als hätte jemand auf die Pause-Taste gedrückt. Die Leute wurden unsicher, denn alles, was sie bisher als ihren normalen Lebensablauf angesehen hatten war auf einmal nicht mehr normal. Sie sahen dem Unbekannten, das plötzlich vor ihnen stand, in die Augen. Vielen dämmerte es schon bald danach, dass die alte Normalität vielleicht doch nicht so “normal” und erstrebenswert war, wie sie immer glaubten.

Das bisherige Leben war auf einmal nicht mehr normal, aber zurückgezogen stellte man fest, dass gar nicht so viel passierte
Das bisherige Leben war auf einmal nicht mehr normal, aber zurückgezogen stellte man fest, dass gar nicht so viel passierte

Alle haben sich in ihren Wohnungen verschanzt und konnten bald feststellen, dass gar nicht so viel passierte. Auch wenn die Welt um uns herum untergehen mochte, wir waren immer noch da. Wir konnten unsere Blumen am Fenster oder auf dem Balkon gießen und uns ein Wurstbrot schmieren. Plötzlich haben wir eine neue Wahrnehmung von uns selbst und unserem Leben bekommen. Vieles, was zuvor wichtig erschien war auf einmal nicht mehr wirklich notwendig.

Unsere Prioritäten haben sich geändert und wir konnten ein uns bisher unbekanntes Gefühl der Selbstwirksamkeit entdecken. Manche, die zuvor eher grüblerisch und pessimistisch waren, hatten plötzlich Zeit, die Wolken anzusehen und herum zu stehen und zu plaudern. Sie erwachten zu einem neuen Selbstverständnis und waren plötzlich heiterer und mehr an anderen interessiert.

 

Die Verbindung von Arbeit und Geld wurde für viele entkoppelt. Es gab staatliche Hilfen für Verdienstausfälle und überhaupt haben wir viel weniger ausgegeben. Wir haben entdeckt, dass es auch anders geht und dass wir das allgegenwärtige Hamsterrad verlassen können ohne gleichzeitig jede finanzielle Sicherheit zu verlieren. Die Selbstständigen haben ihr Angebot verändert und die Ökonomie ist kreativer und lokaler geworden.

 

Niemand litt darunter, kein neues Auto kaufen zu können, aber wir freuten uns über die Initiativen von Händlern, die z. B. in ihrem Geschäften eine Stelle zum Büchertausch bereit stellten. Wir kauften keine teuren Eintrittskarten für Konzerte, aber freuten uns über den Nachbarn, der auf seinem Balkon für uns auf seiner Gitarre spielte.

Bestimmte Ängste, die unser bisheriges Leben begleitet hatten, erwiesen sich als unbegründet. Viele hatten schon seit längerer Zeit das Gefühl, dass unsere Gesellschaft auf eine Wand zu raste. Die westliche Wirtschaft war schon vor der Corona-Krise schwer angeschlagen, insbesondere weil übermäßig viele Kredite aufgenommen wurden. Dann kam die Corona-Krise, die eigentlich eine ernste Wirtschaftskrise hätte auslösen müssen, aber die mikro-ökonomische Infrastruktur in unserer Umgebung hat kreative Wege gefunden, sich den neuen Verhältnissen anzupassen und funktioniert auch weiterhin.

Wir können daraus lernen, das die Wirtschaft nicht zusammenbrechen muss wenn sie schrumpft. Dies kann uns vielleicht auch dazu ermutigen, in Zukunft nicht mehr alles an Effizienz und Rentabilität zu messen. Wurde früher viel über “New Work” gesprochen ohne dass sich etwas getan hätte, rückte jetzt plötzlich allerorts die Arbeit in greifbare Nähe. Im Home Office können jetzt die Arbeitszeiten flexibler und ohne lästige Fahrwege den persönlichen Erfordernissen angepasst werden. Auch wurden viele Berufe und Jobbeschreibungen flexibler. In England sorgte Flugzeugpersonal vom Steward bis zur Pilotin plötzlich für Kranke statt Flugpassagiere, Hausfrauen begannen Masken zu nähen und Studenten halfen in der Landwirtschaft.

Den meisten von ihnen tat dieser Wechsel gut.

 

Eine neue Zukunft entsteht, wenn Kulturen auf eine einschneidende Krise reagieren. Solange alles weiter läuft wie bisher, verändert sich auch nichts. Dies war z. B. der Fall bei der Finanzkrise ab 2008. Diese hatte nur das Bankensystem betroffen und danach hat sich auch nicht viel verändert. Corona hingegen betrifft alle Bereiche unseres Daseins vom Alltag, der Wirtschaft und Politik, der Zusammenarbeit der Nationen, der Industrie und Technologie bis hin zur Natur. Dabei wurden unsere vertrauten Einstellungen und Überzeugungen umgewälzt. Dies stellt das Bisherige in Frage und jede Antwort, die wir jetzt auf diese Fragen finden, öffnet auch Möglichkeiten, unsere Zukunft neu zu gestallten.

 

Grundlegende Fragen aus der neuen Perspektive, die sich nach solch einer  Drehung im Wertesystem ergeben, wären z. B. 

  • Ist ein Handy- oder Autoverkäufer wichtiger als eine Angestellte im Supermarkt?
  • Ist die Hausaufgabe meines Sohns wichtiger als die E-Mail meines Verkaufsleiters?
  • Ist es wichtiger meine Eltern vor einer Virusinfektion zu schützen oder zu verhindern, dass sie vereinsamen?
  • Kann ich auch einkaufen gehen ohne mich extra dafür anzuziehen?
  • Warum soll ich in ein Büro gehen wenn ich arbeiten will?

Die Antworten auf diese Frage erlauben uns auch die neue Zukunft entsprechend anders zu gestalten.

Eine neue Zukunft entsteht, wenn Kulturen auf eine einschneidende Krise reagieren
Eine neue Zukunft entsteht, wenn Kulturen auf eine einschneidende Krise reagieren

Matthias Horx (geb. 1955) hat die von ihm bereits erfolgreich bei der Unternehmensberatung eingesetzte Methode der “Regnose” in seinem neusten Buch, “Die Zukunft nach Corona” (2020), auch hier zur Anwendung empfohlen. Da sich die Welt “as we know it” gerade auflöst, so schreibt er, sollten wir uns der Übung unterziehen, diese “von der Zukunft aus zurück ins Heute” zu betrachten (im Gegensatz zur “Prognose”, die in die Zukunft schaut).

Man stellt sich vor, dass man schon in der Zukunft ist und von dort auf unser heutiges Leben zurückblickt. Dies erlaubt uns häufig zu erkennen, wie sehr wir unsere eigene Realität konstruieren und dass vieles nicht so unveränderlich und selbstverständlich ist, wie es scheint.

 

 

Werden wir uns so gesehen in der Zukunft nicht z. B. darüber wundern:

  • dass wir auf physische Kontakte verzichten mussten und dennoch nicht einsam wurden
  • wie schön es war, plötzlich Zeit gehabt zu haben und die Wolken im Himmel betrachtet zu haben, obwohl wir hierfür zuvor nie die Zeit gefunden hatten?
  • dass man vor Corona davon überzeugt war, Home Office wäre unproduktiv und könne nicht funktionieren?
  • dass wir nicht auch schon vor Corona Apfelkuchen gebacken und lange mit Freunden telefoniert haben?

Vielleicht werden wir dann auch Corona im Nachhinein als einen Segen wahrnehmen, der es uns erlaubt hat zu erkennen, wie sinnlos überhitzt und hektisch unser Leben davor war.

 

Wir konnten allgemein feststellen, dass sich während der Corona-Krise unser Gefühlsleben verändert hat und es erscheint es wert, diese Gefühle auch für die Zeit danach zu bewahren. Dazu gehört die Dankbarkeit, dass wir Muße gefunden haben, ohne Hetze durch die Stadt zu gehen und die Zeit zu genießen, dass wir ein neues Gemeinschaftsgefühl gefunden haben und dass wir erkennen konnten, dass solch eine Krise kein Weltuntergang ist.

Die Corona-Krise hat mehr Vertrauen ermöglicht. Die Nachbarn melden sich, alte Freunde fragen nach, ob sie helfen können, das Gespräch in der Familie ist tiefgründiger geworden und selbst das Vertrauen in die Politik hat sich bessern können, weil jenseits von Parteipolitik weitgehend sinnvolle Maßnahmen zum Wohl aller beschlossen wurden.

Schließlich hat die Corona-Krise auch eine Wiedergeburt der Freundlichkeit unter den Menschen erlaubt. Es wurde weniger auf den Straßen gepöbelt, im Internet gab es weniger Hassattacken und die Menschen waren auf einmal insgesamt konstruktiver eingestellt. Dies wohl auch weil erkannt wurde, wie wichtig wir für einander sind.

Mehr zu Dieter Jeromin hier.

 

Fragen an unser Redaktionsmitglied Dieter Jeromin über die
Redaktion an: 
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