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Carolin Machold: Wie Yoga Ruhe und Kraft in unser Leben bringt

Das neue Jahr geht für viele von uns genauso anstrengend weiter, wie das alte geendet hat. Homeschooling, Homeoffice, wenige soziale Kontakte, Wintergrau und vor allem: kein Ende in Sicht. In solchen Zeiten, wie auch in auch in anderen fordernden Zeiten kann Yoga ein wichtiger Anker für uns sein, um Kraft und Ruhe in unserem Leben zu etablieren und/ oder zu wahren. 

 

Ganz wichtig ist dabei, dass wir als Menschen, die Yoga üben, nicht mit einem seligen Dauergrinsen im Gesicht durch die Gegend laufen müssen, weil immer alles Frieden, Freude und Liebe bei uns ist. Ist es nicht. Sicherlich macht Yoga glücklich und ausgeglichener. Aber Zeiten wie die letzten zwölf Monate sind eben für alle extrem fordernd, anstrengend, verunsichernd, beängstigend und ja, es nervt einfach nur noch alles. 

“Negative” Emotionen gehören zum Leben und somit auch zum einfach Yoga dazu und wer etwas anderes behauptet, lügt sich selbst oder andere an. Das große Geschenk des Yoga ist hingegen, dass es uns hilft, unsere Emotionen zu beobachten und zu händeln, also durchaus besser zu verarbeiten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass durch die Yoga Praxis (also zum Beispiel Asana- oder Pranayama-Praxis, körperliche- oder Atemübungen) Emotionen in uns hochkommen. Und es ist vollkommen okay, wenn dabei auch mal eine Träne fließt. 

 

Aber wie bringt Yoga dann trotzdem Ruhe und Kraft in unseren Körper und unseren Geist? 

Wir stärken unseren Körper, indem wir uns bewegen

 

Viele von uns arbeiten im Sitzen und haben dadurch ohnehin ein Bewegungsdefizit. Spätestens seit dem zweiten Lockdown verbringen wir den absoluten Großteil zu Hause und bewegen uns noch weniger. Für unseren Körper ist das alles andere als gesund. Durch die verschiedenen Positionen (Asana), die wir im Yoga üben, halten wir unseren Körper (und insbesondere unsere Wirbelsäule) durch Dehnen, Vorbeugen, Rückbeugen und Drehhaltungen flexibel und stärken ihn durch stehende Positionen, Armbalancen usw. . Durch die Bewegung wird das Stresshormon Cortisol unserem Körper abgebaut und Endorphine, also Glückshormone, ausgeschüttet. Stress wird also durch Bewegung verarbeitet und abgebaut. Zudem können verschiedene Asana dazu genutzt werden, um uns zu aktivieren oder zu beruhigen. Während Rückbeugen, bei denen der Kopf in den Nacken gelegt und die Körpervorderseite gedehnt wird, anregend sind, wirken Vorbeugen, bei denen das Kinn zum Brustbein zieht und die Körperrückseite gedehnt wird, beruhigend und erdend. Mit dem gezielten Üben dieser Haltungen können wir uns bewusst das vegetative Nervensystem zu Nutze machen, indem wir den Sympathikus (aktivierend) oder Parasympathikus (beruhigend) ansprechen. 

Wir atmen. 

 

Das klingt sehr simpel, ist aber ausgesprochen bedeutend. Unser Atem ist das Werkzeug schlechthin, um zur Ruhe zu finden. Obwohl wir ununterbrochen atmen, tun wir es oft nicht sehr bewusst und realisieren die Atmung oft erst, wenn uns “die Luft weg bleibt”. Dadurch geht unser Atem im Alltag häufig recht flach und, besonders wenn wir gestresst sind, schnell. 

Im Yoga hingegen kommt der Atmung eine ganz besondere Bedeutung zu. Einerseits wird bei einigen Stilen, wie zum Beispiel im Hatha-Vinyasa Yoga, bereits während der körperlichen Asana-Praxis auf eine ganz bestimmte, tiefe und langsame Art und Weise geatmet. Bei dieser Atemtechnik, dem Ujjayi-Atem (“Siegreicher Atem”), wird vom oberen Teil des Brustkorbs über die unteren Rippen bis in den Bauch eingeatmet und umgekehrt vom Bauch über die unteren Rippen bis nach oben ausgeatmet und dabei die Muskulatur der Stimmritze verengt, so dass ein feines, aber spür- und hörbares Rauschen entsteht. Dadurch wird der Atem langgezogen und verlangsamt.  Das Verlangsamen der Atemfrequenz führt zu einer Verlangsamung der Herzfrequenz und dies wiederum zur Aktivierung des parasympathischen Nervensystems, das unseren Körper runterfährt. 

Zum anderen werden im Yoga noch eine ganze Reihe anderer Atemtechniken geübt, die als Pranayama bezeichnet werden (Prana = Atem, Energie, Ayama = Erweitern, Kontrollieren). Diese Techniken beinhalten z.B. abwechselndes Atmen durchs linke und rechte Nasenloch, gezieltes Atem Anhalten, stoßweises Ausatmen usw. und können aktivierend oder beruhigend sein. 

Wir üben uns zu fokussieren. 

Zu großen Teilen lernen wir beim Yoga schon aus der Verbindung der beiden vorher genannten Punkte, uns zu fokussieren. In dem wir uns auf ganz spezielle, zunächst ungewohnte Weise, bewegen und dabei jede Bewegung mit einem Atemzug verbinden, entsteht schon ein hohes Maß an Konzentration. Während wir in unserem Alltag meist unter (selbstgewählter) medialer Dauerberieselung stehen, ist schon diese Konzentration auf unseren Körper in Verbundenheit von Atem und Bewegung ausgesprochen heilsam. 

 

Zudem werden Yoga Klassen meist von einem “Ankommen” zu Beginn eröffnet und von einer Endentspannung beendet (Shavasana, die Totenstellung). Hierbei geht es darum, sich einfach nur zu spüren und sonst gar nichts zu tun (und ganz ehrlich, wie oft tun wir sonst einfach mal wirklich nichts?). Darüber hinaus gehört Meditation zu einem der verschiedenen Erfahrungswege des Yoga. Es gibt unzählig viele Arten zu meditieren, Anleitungen, Apps und so weiter. Das Ziel ist dabei immer das gleiche: sich selbst dabei zu beobachten wie man versucht, seinen Gedankenstrom zur Ruhe kommen zu lassen. Deswegen ist es sinnvoll, mit kurzen Einheiten, z.B. fünf Minuten, anzufangen und dabei beispielsweise die eigenen Atemzüge zu zählen. Das hilft dabei, den Fokus zu halten und nicht nach kurzer Zeit mit den Gedanken doch schon wieder bei der nächsten To-Do -Liste zu hängen. 

 

All die genannten Punkte können umso mehr positiven Einfluss auf unseren Alltag nehmen, je öfter wir das Ganze üben. Dazu müssen es nicht immer 90 Minuten auf der Matte sein. Schon fünf Minuten am Morgen, nur für Dich, in denen du einfache Bewegungen mit deinem Atem verbindest oder eine kurze Meditation übst, können einen großen, positiven Effekt haben. Deswegen wird der Lockdown trotzdem anstrengend sein, aber es lässt sich besser damit umgehen. Viel Spaß dabei!

 

P.S.

Leseempfehlung zu diesem Thema: David Servan-Schreiber: Die neue Medizin der Emotionen. Stress, Angst, Depression: Gesund werden ohne Medikamente. Goldmann Verlag, München. 

 

 

 

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