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Dieter Jeromin: Wie wir vom Pokerspiel fürs Leben lernen können

Der gewollt unbewegte Gesichtsausdruck der amerikanischen Pokerspieler (Pokerface) ist psychologisch nicht uninteressant. Wie bei dem gleichnamigen Song von Lady Gaga (“No, he can’t read my poker face”) geht es um die Kunst, Gefühle und Regungen in unserem Inneren vor anderen zu verbergen.

 

János Neumann, bekannt als John von Neumann (1903 – 1957), der auch als "der letzte Vertreter der großen Mathematiker" bezeichnet wurde und das Gebiet der Spieltheorie als mathematische Disziplin begründet hat, erklärte, dass das Pokerspiel das probabilistische Universum widerspiegelt, das unser tägliches Leben regiert. Denn selbst wenn man die mathematischen Wahrscheinlichkeiten der verschiedenen Kartenkombinationen lernt, das sich daraus ergebende Verhältnis zwischen bekannten und unbekannten Faktoren führt zu einem mehr oder weniger ausgewogenen Spiel zwischen Geschicklichkeit und Zufall. Es wurde errechnet, dass dabei der durchschnittliche Anteil des Zufalls etwa 38% ausmacht. Bei einem einzigen Spiel mag der Zufall zu 100% entscheiden, bei mehreren Millionen Spielen ist es wohl zu 100% die Geschicklichkeit. Dabei haben wir aber noch nicht die psychologische Komponente berücksichtigt.

 

Diese wurde in jüngerer Zeit z.B. von der russisch-amerikanischen Psychologin Maria Konnikova (geb. 1984) untersucht, die herausfinden wollte, was sie Poker über das Leben und seine Ungewissheiten lehren könnte. Sie wusste zunächst nicht einmal wie viele verschiedene Spielkarten es gibt und gewann sodann 2018 das Caribbean Adventure No-Limit Hold'em Poker Championship. In ihrem Buch, “The Biggest Bluff: How I Learned to Pay Attention, Master Myself, and Win” (Juni 2020, 368 Seiten) erläutert sie, dass für sie von Anfang an das Wichtigste war zu lernen, wie man mit Würde verlieren und sich danach wieder aufrichten kann. Dies mag an den Judo-Unterricht erinnern, bei dem es ja auch zunächst darum geht zu lernen, wie man sich am besten fallen lässt.

 

Dann kam die Erkenntnis, dass klug zu spielen bedeutet, sich nicht darum zu kümmern, was andere von einem denken. Dabei geht es darum, spontane Gefühlsregungen und Reaktionen in uns zu neutralisieren und bei Seite zu legen, da diese sich anderen Falls negativ auf das Spielvermögen auswirken.

 

Als Nächstes lernte sie sich darauf zu konzentrieren zu spielten ohne den Karten, die ihr ausgeteilt wurden, emotionale Bedeutung beizusteuern. Es ist allgemein bekannt wie sehr unsere Gedanken über Glück und unsere Emotionen, unsere Entscheidungen und unsere Weltanschauung beeinflussen. Widerstandsfähigkeit und Resilienz helfen uns, vergangenes Unglück zu überwinden und uns besser auf die Zukunft vorzubereiten.

Beim Poker wie auch im Leben kommt es auf die persönliche Einstellung zum Pech an. Wenn man sich zu sehr auf das Glück konzentriert, kann es passieren, dass man sich dann in Unglück wälzt. Konzentriert man sich stattdessen auf die Teile des Lebens, die man kontrollieren kann, kommt man stetig voran.

 

Es ist allgemein in der Psychologie bekannt, dass die Körpersprache viel mehr mitteilt als der bloße Gesichtsausdruck. Daher gibt es auch spezielle Trainingskurse für professionelle Spieler, bei denen mit Videoaufnahmen Körperhaltungen und Handbewegungen während des Spielens aufgezeichnet und analysiert werden. Damit kann erreicht werden, auch die anderen unwillkürlichen Körperbewegungen und -gesten unter Kontrolle zu bekommen. Daneben ist es auch wichtig, emotionale Auslöser in uns zu identifizieren und festzustellen, welche Reaktionen, Gedanken oder Verhaltensweisen diese auslösen. Dann gilt es imaginäre Szenarien auszuarbeiten, die innerlich aufgerufen werden können, wenn immer solch ein emotionaler Einbruch aufzutreten droht.

 

Es zeigt sich somit, dass wenn wir es schaffen, wie ein erfahrener Pokerspieler, uns auf die Entwicklung unserer eigenen Fähigkeiten, auf unser Denken und unsere Leistung zu konzentrieren, statt auf die Karten zu achten, die uns ausgeteilt werden, wir die Widrigkeiten des Lebens besser überstehen und vorbereitet sind, wenn uns das Glück dann wieder zulacht.

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