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Der Kölner Jugendbuchautor Manfred Theisen zum Thema Mobbing

"Opfer heißen Opfer, weil sie geopfert werden"

„Ich bin froh, dass du da bist“, sagt Calvin. „Seit Friedrich weg ist, macht Rick mich fertig. Jetzt bist du ja für Friedrich da.“

„Was ist mit Friedrich passiert?“

„Seine Eltern haben ihn von der Schule genommen. Er wurde von Rick gemobbt.“

„Und warum wurde Rick nicht bestraft?“ „Er ist nicht das Opfer, sondern Friedrich war das Opfer. Schließlich heißen deshalb die Opfer Opfer und die Täter Täter. Das ist doch logisch. Wenn ein Opfer nicht mehr kann oder will, wird es in eine andere Klasse versetzt, und dann kommt ein neues Opfer für den Täter.“

Auszug aus: Manfred Theisen: „Nerd Forever – Im Würgegriff der Schule“, Verlag tredition.

Die beiden Jungen, die sich hier unterhalten, sind Figuren aus einem satirischen Jugendroman. Jedoch begegnen mir häufig in den Förder-, Haupt- und Realschulen Kinder, deren Laufbahn steil nach unten ging, weil sie gemobbt wurden. Oftmals leidet die ganze Familie an ihrem Gemobbtsein. Schließlich kommt das Kind nach Hause und es gibt kein wichtigeres Thema mehr als Mobbing. Noten spielen plötzlich keine Rolle, sondern nur noch das Seelenheil des eigenen Kindes. 


Die Folgen für das Kind sind aber auch beträchtlich: Stresssymptome wie Kopfschmerzen oder Schlafstörungen, das Selbstbewusstsein sinkt auf Null, häufiges Alleinsein, sich Ausgeschlossenfühlen, Magenschmerzen und Depressionen. 


Heute geht es häufig nicht nur um das direkte Mobbing Face to Face, sondern um Cybermobbing. Früher konnten sich die Gemobbten aus der Schule ins Private retten, heute ragt das Mobbing blitzschnell über Messenger wie WhatsApp in die Privatsphäre.


Die Firma WhatsApp versucht diese Form von Mobbing zu unterbinden. Leider wenden sich die meisten Gepeinigten und deren Eltern nicht direkt an WhatsApp. Dabei ist es leicht. Sie müssen lediglich in den Einstellungen von WhatsApp auf Hilfe tippen, dort den Botton Kontaktieren drücken und dann werden Sie von WhatsApp gefragt, was ihr anliegen ist. „Bitte beschreibe dein Problem“ steht dort. Ggf. können die Schüler noch einen Screenshot hinzufügen, der den Chatverlauf zeigt, in dem sie gemobbt wurden. Werden sie nun weitergeleitet, so taucht eine Seite mit lauter Hilfsmöglichkeiten auf. Von Mobbing ist da aber keine Rede. Deshalb drücken Sie unten auf den Reiter.  Das beantwortet meine Frage nicht. Es dauert eine Sekunde, dann haben Sie direkten Kontakt zum WhatsAppTeam. Dieses wird Ihnen schreiben. Sie sollten sich nicht mit einer simplen Antwort wie etwa dem Blockieren des Mobbers zufrieden geben. Häufig nutzt dies nämlich nichts, sondern der Mobber wird erst wach, wenn sein Account abgestellt wird. Oder dies zumindest angedroht wird.


Mobbing in der Schule zu unterbinden, ist nicht nur wichtig zum Schutz des Opfers, sondern auch für den Täter. Ansonsten übt er bereits in jungen Jahren Formen der Unterdrückung ein. Statt Teamfähigkeit erlernt er vorrangig „sich durchzusetzen“. Und zwar mit unlauteren Mitteln. 

Es ist prinzipiell sinnvoll den Lehrer einzuschalten, wenn Sie glauben, dass Ihr Kind von Mobbing betroffen ist. Sie sollten schnell handeln. Aber handeln Sie bitte auch, wenn Sie merken, dass Ihr Kind sich zum Mobber entwickelt. Denn eines sollte nie passieren, dass die Opfer geopfert werden.

Autor des Artikels: Manfred Theisen. Seine Romane und Sachbücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, ausgezeichnet und auf die Auswahllisten der Rundfunkanstalten gesetzt. Zum Thema findet sich neben dem Roman „Nerd Forever – Im Würgegriff der Schule“ auch sein Sachbuch: „Nachgefragt: Medienkompetenz in Zeiten von Fake News“, Loewe-Verlag. Der Autor steht für Lesungen und Workshops zur Verfügung.

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