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Dieter Jeromin: Über Kopf und Herz

Wenn uns der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry sagt: “Man sieht nur mit dem Herzen gut” oder wenn wir das Buch “Mit dem Herzen denken” des 14. Dalai Lama in Händen halten, haben wir eine genau Vorstellung von dem, was bei dem Ausdruck “mit dem Herzen” gemeint ist, obwohl wir schon seit langem wissen, dass alle Wahrnehmungsprozesse im Gehirn ablaufen.

Die Strukturen und Wendungen der Sprache sind einfach älter als unsere medizinische Erkenntnisse. Noch für Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) war das Herz der Ort der wahrnehmenden Seele und das Gehirn diente diesem als bloßes Kühlsystem.

 

Was für unsere Wahrnehmung erkennbar ist, sind Änderungen in der Anzahl der Herzschläge, je nachdem was wir gerade denken und fühlen. Dies hat zu einer Menge auch noch heute gebräuchlicher Ausdrücke geführt, wie warmherzlich, herzlich, vollherzig, oder auch Courage (von lat. cor = Herz) und lobenden Beinamen wie der des englischen König Richard Löwenherz (1157-1199). Erst die neuere Wissenschaft hat uns erlaubt zu erkennen, dass die Frequenz der Herzschläge nicht die Ursache für unser Empfinden und Verhalten sind, sondern lediglich die Auswirkung der sympathischen und parasympathischen Impulse, die vom Gehirn kommen.

Der Verlauf der Blutgefäße (die vom Herz aus gehen) und der Nervenfaser (die vom Gehirn ausgehen) wurde erst im Italien der Renaissance offenbar, als man anfing, die Körper von Verstorbenen aufzuschneiden und auf ihre Bestandteile hin zu untersuchen. Der doppelte Blutkreislauf wurde sodann zuerst von dem englischen Arzt William Harvey (1578–1657) beschrieben, der in Cambridge und später in Padua studiert hat. Seine Erkenntnisse haben sich jedoch nicht sofort durchsetzen können und traditionelle medizinische Behandlungsmethoden, wie der Aderlass wurden auch noch lange danach durchgeführt. So hat dieser wohl zum Tod von George Washington (1732–1799), dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten geführt. Als dieser an einer Halsentzündung litt, wurde ihm damals zur Behandlung innerhalb von zwei Tagen 40 Prozent seines Blutes abgeführt.

 

Unser heutiges medizinisches Wissen über das Herz und dessen Funktionsweise geht weit über die legendären vorwissenschaftlichen Erkenntnisse hinaus. Wir wissen, dass es nicht strahlend rot und zweiflügelig aussieht wie auf den Postkarten und auch nicht links in der Brust liegt, abgesehen von der unteren Herzspitze, die den Brustkorb im linken Rippenbereich berührt. Es ist von der Wandstruktur aus ein Muskel, der weniger als ein halbes Kilo wiegt, aber im Laufe des Lebens zwischen drei und vier Milliarden Schläge ausführt. Dies entspricht zahlenmäßig der Hälfte der derzeitigen Weltbevölkerung. Wir könnten somit sagen, das unser Herz mit Systole (Muskelanspannung) und Diastole (Muskelentspannung) im Laufe unseres Lebens mindestens eine dieser Handlung für jeden derzeit auf der ganzen Welt lebenden Menschen ausführt.

Es pumpt unser Blut etliche Male pro Stunde durch den ganzen Körper. Dies sind bis zu 260 Liter Blut in einer Stunde.

 

Das Gehirn ist fast dreimal so schwer wie das Herz. Eine Untersuchung von 1994 hat ergeben, dass das durchschnittliche Gehirn eines erwachsenen Manns 1336 g wiegt, und das einer erwachsenen Frau 1198 g. Mit dem Alter nimmt dieses beim Mann jedes Jahr um 2,7 g und bei der Frau um 2,2 g ab.

Wie das Herz im Zentrum des Körpers schlägt und diesen mit Blut versorgt, schwimmt das Gehirn, das selbst von weicher Konsistenz ist, gewissermaßen hermetisch von der Welt abgeschirmt im Schädel. Es besitzt rund 86 Milliarden Neurone mit unzähligen Verknüpfungen. Um zu funktionieren verbraucht es zwanzig Prozent der Energie unseres Körpers.

Es hat etwa die gleiche Größe wie das Gehirn eines Blauwals, der 30 Meter lang sein und 200 Tonne wiegen kann, aber es gibt auch Tiere, bei denen wir ein dem Menschen vergleichbares Verhältnis zwischen Körpergröße und Gehirnmasse finden, so z. B. bei Mäusen.

Wir unterseiden drei wesentliche Teile im Gehirn: Den Hirnstamm, der lebensnotwendige Funktionen wie Atmung und Schlaf reguliert. Das Kleinhirn in der hinteren Schädelgrube, das unter anderem wichtig für das Gleichgewicht und die Motorik ist. Es hat eine hohe Zelldichte und birgt über die Hälfte aller Neuronen im Gehirn. Schließlich das Großhirn, das beim Menschen besonders stark entwickelt ist und alles von der sensorischen Verarbeitung bis zu den Charakterzügen steuert.

 

Die Handlesekunst (oder Chiromantie), wie sie bis in unsere Zeit noch auf Jahrmärkten praktiziert wurde, definiert neben der Lebenslinie und der Schicksalslinie, eine Handlinie für das Herz und eine Handlinie für den Kopf (und somit das Gehirn). Dies geschah vielleicht nicht ganz von ungefähr, denn es sind auch diese beiden Organe, die in den letzten Jahrzehnten eine immer größere Bedeutung in der medizinischen Forschung und Intensivversorgung eingenommen haben. Ihre Anfälligkeit für Herzinfarkt (Kardiologie) und Schlaganfall (Neurologie) sowie die damit verbundenen Sterberisiken haben zu einer schier unübersehbaren Menge an wissenschaftlichen Publikationen geführt, die von Woche zu Woche ständig weiter zunimmt.

 

Gemäß den mir noch vorliegenden Zahlen des Statistische Bundesamt Deutschland von 2011 wurden bereits damals durch Herzinfarkt und Schlaganfall 40,2 Prozent aller Sterbefälle verursacht.

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