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Dieter Jeromin: Der Traum von einem langen Leben

Die Frage, wie alt der Mensch auf der Erde werden kann wenn er nicht an Unfällen oder Krankheiten verstirbt, hat uns von jeher beschäftigt und geht einher mit Mythen von Unsterblichkeit.

Oben sieht man Ausschnitte aus dem “Jungbrunnen” (1546) in der Gemäldegalerie Berlin. Lucas Cranach der Ältere (1472-1553), der damals selbst bereits 74 Jahre alt war, stellt hier das bereits im Mittelalter beliebte Erzähl- und Bildmotiv einer Erneuerung der Jugend durch die Heilkräfte in Bädern dar, deren Wässern Heilkräfte nachgesagt wurden.

 

Wir haben alle von Methuselah gehört, von dem geschrieben steht (Genesis 5:21–27), dass er 969 Jahre alt wurde. Eine durchaus plausible Erklärung für diese unerwartet hohe Altersangabe wird uns von Bibelforschern geliefert, die glauben, dass hier versehentlich das hebräische Wort für “Monat” als “Jahr” überliefert und so Mond- und Sonnenzyklus verwechselt wurden. Die Länge seines Lebens wäre somit 969 Mondzyklen gewesen, das sind 78,3 Sonnenjahre.

 

Dante Alighieri (1265–1321), der Verfasser der Göttlichen Komödie, bezifferte die Länge des menschlichen Lebens mit 70 Jahren. Zu Beginn seiner allegorischen Reise durch Hölle, Läuterungsberg und Paradies sieht er sich mit 35 Jahren in der Mitte seines Lebens. Er selbst starb im Alter von 56 Jahren an Malaria.

Jeanne Calment bei ihrem 122. Geburtstag.
Jeanne Calment bei ihrem 122. Geburtstag.

Offiziell wird derzeit weltweit die längste überprüfbare Lebensdauer einer Französin zugesprochen, die das Alter von 122 Jahre und 164 Tage erreichte.

Dr. med et phil. Gerhard Venzmer, Wie wir alt werden, 1936
Dr. med et phil. Gerhard Venzmer, Wie wir alt werden, 1936

In den hundert Jahren finden wir Angaben zur Lebenserwartung mit Zahlen, die sich ständig verändern. Gerhard Venzmer veröffentlichte 1936 ein Buch, in dem er erläuterte, dass von den damals zwanzig Jahre alten nur acht das 85. Lebensjahr erreichen werden.

Entwicklung der Lebenserwartung für Neugeborenen seit 1885
Entwicklung der Lebenserwartung für Neugeborenen seit 1885

Unsere Lebenserwartung hat sich aber in den letzten hundertfünfzig Jahren tendenziell von Jahr zu Jahr erhöht. Diese zeigt sich, wenn man die Sterbetafeln der verschiedenen Jahre mit einander vergleicht.

Die jetzt ständig voranschreitende Verlängerung der Lebenszeit konnte am Ende des neunzehnten Jahrhunderts noch niemand vorhersehen.

 

Die Abbildung zeigt die Darstellung der Lebenserwartung von einjährigen Kindern in Deutschland seit Gründung der allgemeinen Rentenversicherung durch Bismarck, der nichts von dieser Entwicklung ahnte.

 

Wenn man diese Zahlen sieht, mag man sich fragen, ob die Entwicklung auch so weiter gehen wird bis zur Verwirklichung jenes alten Traums eines (fast) endlosen Lebens.

 

Unsere derzeitigen Erkenntnisse widersprechen dem jedoch:

 

Wir haben Hinweise darauf gefunden, dass unser Hypothalamus nicht nur die Sexualfunktion, Hunger und Durst steuert, sondern auch die Geschwindigkeit des Alterungsprozesses.

 

Es finden sich innere Uhren in jedem Teil unseres Körpers, von der Bauchspeicheldrüse bis zur Niere. Diese haben alle ihre eigenen zirkadianen Mechanismen mit ihren individuellen Leistungsspitzen - und selbst einige Bakterien funktionieren synchron zum Tagestakt. 1999 wurde die Funktion von retinalen Ganglienzellen entdeckt, die sich neben Stäbchen und Zapfen in den Augen befinden. 

 

Die nächste Stufe der Zeitwahrnehmung findet sich in der Zirbeldrüse (auch Epiphyse genannt, anatomisch Glandula pinealis). Diese ist sensibel für die Jahreszeiten und hat Auswirkungen auf unsere Stimmungslage. Sie steuert bei Tieren den Winterschlaf und bewirkt auch zum Beispiel, dass im Sommer die Haare schneller wachsen. 

 

Darüber steht eine weitere genetische Steuerungsfunktion, die den Alterungsprozess und letztlich auch die maximale Lebensdauer bestimmt.

Gesellschaftliche und medizinische Fortschritte haben es ermöglicht, viele der geläufigen vorzeitigen Todesursachen auszuschalten. 2011 starben weltweit erstmals weniger Menschen an Infektionskrankheiten als an den rund 7000 bekannten nicht übertragbaren Erkrankungen wie z.B. (auch) Krebs (ein unkontrolliert wucherndes Wachstum, bei dem sich der Körper selbst attackiert) und die sogenannten “mismatched diseases” (nach Daniel Lieberman von der Harvard Universität), die auf eine Diskrepanz zwischen den Anforderungen der Wildbeutergesellschaft unserer stammesgeschichtlichen Vorfahren und unserem gegenwärtigen Lebensstil zurückgehen. Hierzu gehören der Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Überlebenschancen konnten auch bei den zuletzt genannten Störungen durch medizinische Vorschritte immer weiter verbessert werden.

 

Dies liefert eine plausible Erklärung für die voranschreitende Verlängerung der Lebenserwartung, die wir derzeit beobachten können. Sie beinhaltet jedoch keine Veränderung der genetisch veranlagten maximalen Lebensdauer, lediglich ein Wegfallen vieler vorzeitigen Todesursachen.

 

Es bewahrheitet sich somit mehr und mehr unser Traum, die vorgegebene Dauer unserer Lebenszeit voll auszuschöpfen, aber die genetischen Vorgaben einer maximalen Lebensdauer bleiben dabei unberührt.

Mehr zu Dieter Jeromin hier.

 

Fragen an unser Redaktionsmitglied Dieter Jeromin über die

Redaktion an: info@gesundheit-rhein-nahe.de

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