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Dieter Jeromin: Der Schlaf und seine Geheimnisse (Teil 1)

Jane Matthews, die vergnüglich mit ihrem Hund Rory in Sydney lebt, rät uns in ihren Buch “The Art of Living Alone and Loving It” (2018, eine deutsche Übersetzung ist 2020 im Gesundheitsratgeberprogramm TRIAS des Thieme Verlags erschienen), man solle sich das beste Bett und die besten Kopfkissen kaufen, denn - so argumentiert die Autorin - wir verbringen ein Drittel unseres Lebens mit Schlafen und dürfen es uns da ruhig gemütlich machen.

 

Und obwohl der Schlaf einen so großen Anteil unseres Daseins ausmacht, wissen wir verglichen mit anderen Bereichen unseres Lebens, bis heute noch relativ wenig über ihn.

 

Ein Meilenstein bei der Erforschung des Schlafs ist die im Jahr 1900 erschienene “Traumdeutung” von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. 

 

Die seither hinzugekommenen Erkenntnisse verdanken wir zum größten Teil den Neurowissenschaften. Der amerikanische Vorreiter bei der wissenschaftlichen Erforschung der Schlafstörungen, Allan Rechtschaffen (geb. 1927), hat einmal gesagt, dass der Schlaf entweder eine „absolut lebensnotwendige Funktion“ erfülle oder „der größte Fehler“ sei, „den der Evolutionsprozess je begangen hat.“

 

Wir wissen, das es kein einziges Tier gibt, das ohne Schlaf auskommt. Es gibt lediglich Unterschiede in der Dauer des Schlafs zwischen den Arten. Während Elefanten gerade einmal vier Stunden schlafen, sind dies bei Löwen und Tigern ganze 15 Stunden und bei der als Braunes Langohr bekannten Fledermausart (Plecotus auritus) sogar 19 Stunden. Aber nur zwei Klassen von Tieren scheinen auch zu träumen: Die Säugetiere und die Vögel. Wir erkennen dies an den für die Traumphasen als typisch angesehenen raschen Augenbewegungen, auch REM-Phasen (von englisch “rapid eye movement”) genannt. Diese gehen mit einer allgemeinen Erschlaffung der Muskeln im Rest des Körpers einher. Diese Muskelerschlaffung bei den untersuchten Tieren kann aber experimentell durch hirnchirurgische Eingriffe aufgehoben werden und die Tiere beginnen sich sodann in diesen Schlafphasen intensiv zu bewegen.

 

Es ist anzumerken, dass wir bei Säugetieren, die im Wasser leben, wie Delfine und Wale keine REM-Phasen finden konnten. Dies mag sich wohl damit erklären, dass bei ihnen eine allgemeine Muskelerschlaffung schnell zum Ertrinken führen würde. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass beim Menschen auch außerhalb der REM-Phasen Träume auftreten, bei denen es jedoch nach dem Erwachen schwerer ist, sich an den Inhalt zu erinnern. Beide Phasen von Traumaktivität sind verbunden mit dem Auftreten langsamer Hirnwelle in einer sogenannten “hot zone” im hinteren Gehirn. Es wurde beschrieben, dass beim Menschen Träume zu 71% im non-REM Schlaf und zu 95% im REM-Schlaf auftreten. Eine andere bedeutende Arbeit hat gezeigt, dass die Entstehung von Erinnerungen mit einer Aktivität im präfrontalen Cortex einher geht und die Versuchspersonen, bei denen eine Aktivität in diesem Bereich während des Schlafs aufgezeichnet werden konnte, waren auch diejenigen, die sich am besten an ihre Träume erinnern konnten.

 

Es wurde herausgefunden, dass Schlafwandeln nicht während einer REM-Phase auftritt. Dazu passt, das Schlafwandler, wenn sie plötzlich erweckt werden, keinerlei Erinnerung haben und dem Schlafwandeln stets ein traumloses Nichts voraus geht. Es wurde auch die Hypothese formuliert, dass das Schlafwandeln deshalb bei Kindern häufiger auftritt als bei Erwachsenen, weil Kinder einen geringeren Anteil von REM-Phasen in ihrem Schlaf durchmachen und deshalb auch mehr Zeit zum Schlafwandeln haben.

 

Die Ungewissheit über die Bedeutung des Schlafs, wie sie noch von Allan Rechtschaffen formuliert wurde, besteht heutzutage nicht mehr. Matthew Walker (geb. 1972), der Professor für Neurowissenschaften und Psychologie and der University of California in Berkeley ist, hatte zunächst drei Faktoren für eine stabile Gesundheit benannt: Ernährung, Bewegung und Schlaf. Jetzt ist er dazu übergegangen den Schlaf als das Fundament anzusehen, auf dem die anderen Säulen stehen. Sein populärwissenschaftlich geschriebenes Buch “Why We Sleep: The New Science of Sleep and Dreams”, das 2018 auch auf deutsch veröffentlicht wurde (“Das große Buch vom Schlaf: Die enorme Bedeutung des Schlafs - Beste Vorbeugung gegen Alzheimer, Krebs, Herzinfarkt und vieles mehr,” Goldmann, 480 Seiten) war 2017 monatelang in den USA auf den Bestsellerlisten. Trotz einzelner Ungenauigkeiten und pauschaler Vereinfachungen, die nicht dem derzeitigen Wissenstand gerecht werden, ist es diesem Buch zu verdanken, dass das Interesse für die Schlafmedizin in der Bevölkerung schnell gewachsen ist.

 

Er schildert hier sehr schön, dass ein Neugeborenes noch 19 Stunden Schlaf am Tag braucht und dass ein Teenager nicht automatisch faul ist nur weil er mehr Schlaf nötig hat als ein Erwachsener.

Unser Schlafverhalten wird durch den zirkadianen Rhythmus bestimmt, der einem jedem eigen ist. Matthew Walker unterscheidet genetisch bestimmte “Abendmenschen” oder “Nachteulen”, die 30% der Bevölkerung aus machen und erst später am Tag in den Gang kommen, aber insgesamt ein 10% höheres Sterberisiko haben. Basierend auf einer statistischen Untersuchung mit 430 000 Engländern, erläutert er wie diese nicht ungestraft ständig gegen ihre innere Uhr leben können und neben erhöhtem psychischen Stress und Schlafmangel durch nächtliches Wachsein, ein erhöhtes Risiko für Drogen- und Alkoholkonsum sowie Diabetes, Depression, Krebs und Alzheimer Erkrankung aufweisen. Zu wenig Schlaf erhöht bei ihnen das Krebsrisiko und führt zu Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems.

Er zitiert eine Studie von 2011 aus elf Ländern, bei der chronischer Schlafmangel das Risiko an einer Herzkrankheit zu erkranken oder zu sterben um 45% erhöht hat. Als pathophysiologischen Mechanismus sieht er hier vor allem einen erhöhten Blutdruck.

 

Leider spart er hier das Kapitel der Schlafapnoe aus und übersieht die Tatsache, dass das Sterberisiko auch bei denen ansteigt, die signifikant länger als acht oder neun Stunden am Tag schlafen.

 

Andere Thesen in seinem Buch sind gut nachvollziehbar. So z.B. dass Schlaftrunkenheit beim Autofahren genauso gefährlich ist wie Alkohol. Eine Stunde fehlender Schlaf kann durch Sekundenschlaf schwere Unfälle verursachen.

Es wurde schon mehrfach nachgewiesen, dass ein Mangel an Schlaf die Häufigkeit, mit der Arbeiter Fehler bei ihrer Tätigkeit machen, erhöht.

Er erläutert auch, dass die Disziplin des vorsätzlichen Schlafentzugs aus dem Guinnessbuch der Rekorde entnommen wurde, weil sie einfach zu gefährlich ist.

 

Ein anderer bedeutender Erklärungsansatz für die Wichtigkeit des Schlafs kommt von Elizabeth Blackburn (geb. 1948), die zusammen mit anderen 2009 den Nobelpreis für Medizin verliehen bekommen hat, weil sie die Bedeutung der Telomere erkannt haben. Diese sind eine Art von Schutzkappen über unseren Chromosomen und haben wohl eine direkte Verbindung zum Alterungsprozess der menschlichen Zellen und der Entstehung von Krankheiten. Unterbrochener Schlaf und hektische Terminkoordinierungen führen zu dem Gefühl, nie wirklich abschalten zu können. Dieser Zustand kann zu einer frühzeitigen Verkürzung von Telomeren führen. Eine Studie von 2012 fand heraus, dass Männer mit maximal fünf Stunden Schlaf pro Nacht kürzere Telomere hatten als Männer, die nachts mindestens sieben Stunden lang ruhten.

Störungen der Schafrhythmik führen auch zu übermäßigen Ausschüttung von Cortisol und Insulin, wodurch der Blutzuckerspiegel vorübergehend unkontrolliert ausschlägt und Stoffwechelzustände erzeugt wie sie bei Diabetikern typisch sind.

Ein regelmäßiger Schlafrhythmus ist auch für unsere Zellen wichtig, da sich diese in dieser Zeit erholen können und sogar beschädigte DNA reparieren. Wenn dieses sensible Gleichgewicht durcheinander kommt, werden unsere Zellen weniger effizient und wir werden dadurch wiederum anfälliger für Stress.

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