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Dieter Jeromin: Storytelling und Psyche - Vorkommen (Teil 1)

Ähnlich wie die “Mindfulness”, die manchmal auch “Achtsamkeit” genannt wird und auf den altbekannten buddhistischen Meditationsübungen basiert, die ihrerseits zunächst auch über den Umweg von Yoga zunehmend in unserem Kulturbereich Fuß gefasst hatten, basiert auch das “Storytelling” auf einer uns altbekannten Tradition von mündlichen Überlieferung und Erzählkunst.

Es geht dabei aber um mehr als ein reines Erzählen von belanglosen Geschichten und Flunkerei. Der Ausgangspunkt ist wohl die Darstellung von realen oder fiktiven Ereignissen in Wort, Bild und Ton, aber es werden dabei zugleich auch weitergehende Informationen vermittelt, die nicht explizit ausgesprochen werden. Dies war bereits bei den weit verbreiteten volkstümlichen Kindermärchen der Fall, die wir heute zum Teil noch aufgrund der Niederschrift durch die Brüder Grimm kennen. Das lässt sich aber auch von der Überlieferung des alten und neuen Testaments sagen. Geschichten und Anekdoten vermitteln hier das religiöse Wissen. Rabbiner sprechen oft von einem siebenfachen Sinn bei Gleichnissen aus dem alten Testament und Bruno Bettelheim (1903 – 1990) wie auch Vladimir Propp (1895 – 1970) haben dies auch bei den Kindermärchen eingehend untersucht.

 

Beim Storytelling handelt sich um eine äußerst wirkungsvolle Methode, die wie wir gesehen haben, bereits seit den uns bekannten Urzeiten der Menschheit verwendet wurde. Sie aktiviert das Interesse des anderen, lädt ihn emotional auf, weckt im Idealfall seine Begeisterung und bindet. Dies erklärt ihre Anwendung nicht nur in der Psychotherapie sondern auch in der Suggestopädie, der Werbung und der Politik.

 

Die Suggestopädie geht zurück auf Georgi Lozanov (1926 – 2012) und hat in den 1970er Jahren weltweites Interesse beim Erlernen von Fremdsprachen gefunden, wenn auch die spärlichen wissenschaftlichen Grundlagen vielfach kritisiert wurden. Das Interesse an dieser Methode ist seither wieder zurückgegangen - heute noch bekannte Varianten davon sind das Superlearning, das Suggestive Accelerated Learning and Teaching (SALT) und die Psychopädie (Udo Derbolowsky). 

Die ursprüngliche Methode basierte auf mehreren Techniken. Die Lesung der Texte fand vor dem Hintergrund von Barockmusik mit einem Tempo von 60 Takten pro Minute statt und die Informationsstücke wurden den Studierenden in einem Rhythmus von 4, 8 oder 12 Takten vorgelesen, wobei 8 der häufigste Rhythmus war. Der Tonfall wurde bei jeder Information verändert, um Langeweile zu vermeiden und somit ein Unterbrechen des Lernvorgangs zu vermeiden. Lozanov hat dabei von Anfang an die physische Umgebung und Atmosphäre im Klassenzimmer als einen entscheidenden Faktor erkannt, um sicherzustellen, dass "sich die Schülerinnen und Schüler wohl und selbstbewusst fühlen". Das Lehrmaterial soll gehirngerecht in vier Etappen vermittelt werden: 

  1. Bei der Initialphase unterrichtet der Lehrer den Stoff "spielerisch", anstatt das Vokabular und die Grammatik des Textes in einer direktiven Weise zu analysieren.
  2. In der “Konzertsitzung” liest der Lehrer mit Intonation, während ausgewählte Musik gespielt wird und die Schüler lesen den Text zusammen mit dem Lehrer und hören nur die Musik, während der Lehrer in bestimmten Momenten pausiert. Die passive Sitzung wird dabei ruhiger durchgeführt.
  3. Während der Phase der Ausarbeitung singen die Schüler klassische Lieder und spielen Spiele, während  sich der Lehrer mehr wie ein Berater verhält und
  4. bei der Produktionsphase sprechen und interagieren die Schüler spontan, ohne in der Zielsprache unterbrochen oder korrigiert zu werden.

In der Werbung kommt dem Storytelling eine immer bedeutendere Rolle zu seit sich das Augenmerk von einer ursprünglich sachlichen Verkaufsinformation zu einer unterschwelligen Beeinflussungsstrategie weiterentwickelt hat. So war z.B. der offizielle Werbeslogan für Coca Cola in den USA um 1886 “Drink Coca-Cola”, um 1923 “Enjoy Life”, um 1979 “Have a Coke and a smile” und im Jahr 2020 “Together Tastes Better” - der Schwerpunkt hat sich dabei von dem Produkt selbst (Coca Cola) zu der Erzählung des Konsumverhaltens gegenüber dem Produkt (Together…Better) verlagert. Heute finden wir kaum noch einen Werbespot, bei dem nicht mindestens eine Person auftritt und der nicht in irgendeiner Weise eine Geschichte mit Bezug auf diese Person oder Personen erzählt.

 

Auch die Politiker sind in ihren Wahlkämpfen dazu übergegangen, mehr und mehr allgemeingütige und persönliche Geschichten statt abstrakte Wirtschaftspläne zu präsentieren. Es sollte niemandem schwer fallen, sich an Beispiele von entsprechenden politischen Reden zu erinnern.

 

Im Bereich der Psychotherapie wird man zuerst an Jacob Moreno (1889 – 1974), den Gründer des Psychodramas, denken. Er hat Storytelling in Form einer Gruppentherapie zur Anwendung gebracht, bei der jeweils ein Gruppenteilnehmer ein persönliches, traumatisches Lebensereignisse zur Darstellung bringt, als ob er ein Schauspieler wäre.

 

Der bedeutendste Ansatz kommt aber wohl von Milton Erickson (1901 – 1980), dem Begründer der moderne medizinischen Hypnose. Er war ein wahrer Meister wenn es darum ging therapeutische Inhalte mit Hilfe von Anekdoten zu vermitteln, mit denen er Botschaften am bewussten Denken vorbei an das Unbewusste zu richten wusste.

Metapher und Parabeln sind und bleiben auch heute noch unverzichtbare Werkzeuge bei jeder erfolgsversprechenden Hypnotherapie.

 

Als eine weitere Form von Storytelling kann man hier auch die „Reisen“ von Klaus Thomas in der Oberstufe des Autogenen Trainings anführen, wie z.B. die „Reise auf den Meeresgrund“ oder die „Reise auf den Berg“. Auch hier vermittelt die Erzählung ein Erlebnis, dass über eine abstrakte Beschreibung hinaus geht.

 

Wie wir leicht sehen können, gebührt dem Storytelling auch bei vielen Formen der Psychotherapie eine zentrale Rolle.

 

Wir dürfen uns daher die Frage stellen, was dabei wohl in unserem Gehirn ablaufen mag?

Dem Verfasser ist es wichtig, dass ihnen sein Beitrag auch gefallen hat und sie etwas daraus lernen konnten.  Ist ihm dies gelungen oder hat er sie zum Nachdenken anregen können?  Klicken sie HIER um ihre Reaktion mit Herrn Dieter Jeromin direkt zu teilen. 

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