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Körper & Psyche

Dieter Jeromin: Storytelling und Psyche - Neurophysiologie (Teil 2)

Redaktion Gesundheit Rhein-Nahe · · 4 Min. Lesezeit
Dieter Jeromin: Storytelling und Psyche - Neurophysiologie (Teil 2)

Um zu verstehen, was bei Storytelling wohl in unserem Gehirn vor sich geht, schauen wir am besten auf die Global Workspace Theory (GWT), wie sie in der Zeit von 1988 bis 2002 von Bernard Baars (geb. 1946) definiert wurde. Sie liefert uns ein passendes Erklärungsmodel für die kognitive Architektur und den Aufbau des Bewusstseins.

 

Sie basiert auf dem von dem britischen Psychologen Alan Baddeley (geb. 1934) zusammen mit Graham Hitch entwickelten Konzept des Working Memory (WM), einem kognitiven System mit begrenzter Kapazität, das vorübergehend Informationen aufnehmen kann. Das Working Memory (WM) entspricht dem inneren Bereich, in dem wir Telefonnummern einstudieren und “die Erzählung unseres Lebens weiterführen”. Es ist wichtig für das logische Denken und die Steuerung von Entscheidungen und Verhalten. Der Begriff wird oft synonym mit dem des Kurzzeitgedächtnis verwendet, aber das Arbeitsgedächtnis ermöglicht  eine gewisse Manipulation gespeicherter Informationen, während sich das Kurzzeitgedächtnis nur auf die vorübergehende Speicherung von Informationen bezieht.

 

Es wird angenommen, dass das Working Memory (WM) innere Sprache (“phonological loop”) und visuelle Bilder (“visuospatial sketchpad”) umfasst. Die Theorie wurde sodann mit einem episodischen Puffer (das ist eine Integration von phonologischen, visuellen und räumlichen Informationen) und einem episodischen Gedächtnis erweitert. Gesteuert wird das Working Memory (WM) von einer zentralen Exekutiven, die unter anderem dafür verantwortlich ist, die Aufmerksamkeit auf relevante Informationen zu lenken, irrelevante Informationen und unangemessene Handlungen zu unterdrücken und kognitive Prozesse zu koordinieren, wenn mehr als eine Aufgabe gleichzeitig ausgeführt werden soll. Sie spielt eine wichtige Rolle bei der Integration und Speicherung von Informationen im Langzeitgedächtnis.

 

Die Global Workspace Theory (GWT) entspricht einem "momentan aktiven, subjektiv erlebten" Ereignis im Arbeitsgedächtnis (WM) und kann metaphorisch mit der Bühne eines Theaters verglichen werden. Im "Theater des Bewusstseins" beleuchtet der "Scheinwerfer der selektiven Aufmerksamkeit" einen hellen Fleck auf der Bühne. Dieser enthüllt die Inhalte des Bewusstseins. Schauspieler bewegen sich in diesen hinein und dann auch wieder heraus. Sie halten Reden oder interagieren miteinander. Das Publikum hingegen ist nicht beleuchtet. Es sitzt im Dunkeln (daher unbewusst) und sieht dem Stück zu. Ebenfalls im Dunkeln hinter den Kulissen befinden sich der Regisseur (die ausführenden Prozesse), Bühnenarbeiter, Drehbuchautoren, Szenenbildner und andere. Sie alle prägen das sichtbare Geschehen im hellen Bereich, bleiben aber selbst unsichtbar.

Bei der GWT handelt es sich um ein flüchtiges Gedächtnis mit einer Dauer von wenigen Sekunden - viel kürzer als die 10-30 Sekunden des klassischen Arbeitsgedächtnisses (WM).

 

Ergänzend dazu hat Stanislas Dehaene (geb. 1965) in seinem Buch “Consciousness and the Brain: Deciphering How the Brain Codes Our Thoughts” 2014 dargelegt, wie in vielen Hirnregionen (wie der präfrontale Kortex, der vordere Temporallappen, der untere Parietallappen und der Präkuneus) Informationen über Raum und Zeit integriert werden und dann zu einem passenden Gesamtbild zusammengefügt als "neuronalen Lawine" weitergereicht werden. 

  

So kann von den vielen Einzelinformationen verschiedener Sinnesorgane ausgehend eine einzige kohärente Interpretation geformt werden, wie zum Beispiel ein “blauer Schmetterling, der vorbeifliegt”. Diese wird dann in den globalen Arbeitsraum zurück übertragen wo sie einen spezifischen Bewusstseinszustand schafft.

 

Die Präsentation der Information in Form einer Geschichte führt zu einer Stimulation der Spiegelneurone (mirror neurons), von denen wir wissen, dass sie sowohl dann im Gehirn feuern wenn ein Mensch handelt, als auch dann, wenn ein Mensch die gleiche Handlung beobachtet, die von einem anderen Menschen ausgeführt wird. Dabei besteht kein Unterschied, ob die beobachtete Handlung eines Anderen über den optischen Kanal (mit den Augen gesehen) oder über den phonetisch-akustischen Kanal (mit den Ohren vernommen) das Gehirn erreicht. Es kommt im Gehirn zu einem “Erlebnis”, einer Erfahrung mit der Freisetzung von Dopamin bei entsprechend emotional gefärbten Komponenten, was wiederum bewirkt, dass es noch besser erinnert wird.

Im Gehirn werden Funktionen aktiviert, die es dem Zuhörer erleichtern, solch eine erlebte Erzählung mit den eigenen Ideen und Erfahrungen zu verbinden (neuronal coupling).

 

Dies mag die nachhaltige Wirkung von Storytelling auf das menschlichen Gemüt und die wahrscheinlich dahinter verborgen im Gehirn ablaufende Prozesse erklären. 

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