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Dieter Jeromin: Über die Notbremse in unserem Kopf (Teil 2)

Die positiven Auswirkungen dieser Hirnfunktion wurde bereits durch die Forschungsarbeiten des amerikanischen Psychobiologen Curt Paul Richter (1894 – 1988) belegt, der unter anderem auch den Hypothalamus mit dem suprachiasmatischen Kern als "biologischen Schrittmacher" für den zirkadianen Rhythmus identifiziert hat. Er hat 1957 aufgezeigt, dass Mäuse, die er in Situationen der Hoffnungslosigkeit gebracht hat, in denen keine Kampf- oder Fluchtreaktion mehr möglich war, regelmäßig an Herzversagen starben.

Im Gegensatz zu Mäusen sind jedoch Menschen mit diesem psychologischen Mechanismen einer “Notbremse” versehen, die es ihnen ermöglichen, auch Situationen mit extremem Stress erfolgreich zu überleben. In drastischsten Fällen sind jedoch oft dissoziative Identitätsstörungen der Preis, den die Überlebenden dafür zu zahlen haben.

 

Dissociative Reaktionen in kleinerem Ausmaß treten regelmäßig bei uns allen auf, wenn wir z.B. zur Arbeit fahren und mit unseren Gedanken woanders sind. Wenn wir dann später nachdenken, können wir uns nicht daran erinnern, wie wir zur Arbeit gekommen sind. Ebenso wenn wir in einen Film vertieft sind und das Gefühl haben, neben den Schauspielern zu stehen. Dies trifft natürlich ebenso beim Lesen von Romanen zu, wie eine aufmerksame Leserin bemerkt hat. Es gibt dabei Abstufungen, von einfachen Tagträumen, wenn wir gerade einer anderen Tätigkeit nachgehen, bis hin zur Identifikation mit einer anderen Person bei dissoziativen Identitätsstörungen (DIS, nach DSM-5 und ICD-11), die früher auch als multiple Persönlichkeit(sstörung) (MP/MPS) bekannt waren.

 

Die Gefahr bei dieser Notbremse in unserem Gehirn liegt darin, das wir uns an ihren Gebrauch gewöhnen können und dann die angenehmen Auswirkungen der Dissoziation der normalen und emotional belastenden Auswertung von Alltagssituationen durch unser Gehirn vorziehen. Wir vermeiden damit emotional herausfordernde Situationen. Dies hat dann aber auch zur Folge, dass wir immer weniger im Hier und Jetzt leben.

 

Eine gute Möglichkeit des therapeutischen Zugangs bietet sich hier durch Hypnose, die sich ja ebenfalls die Dissoziation zunutze nimmt, um den Bereich der wenig strukturierten und eingeordneten Erinnerungen zu erreichen und in Bewegung zu bringen.

 

Francine Shapiro (1948 – 2019), eine amerikanische Psychologin die selbst durch den Tod ihrer jüngeren Schwester im Alter von neun Jahren nachhaltig belastet war, hat 1987 bei dem Spaziergang durch einen Park bemerkt, dass das Hin- und Herbewegen ihrer Augen die Störung negativer Gedanken und Erinnerungen bei ihr zu verringern schien. Sie hat das Phänomen sodann systematisch untersucht und eine darauf basierende erfolgreiche psychotherapeutische Behandlungsmethode, EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), entwickelt. Diese wird seither erfolgreich bei verschiedenen Formen von Posttraumatischen Belastungsstörung (Post-traumatic stress disorder, PTSD) angewendet.

 

Wir haben bisher wissenschaftlich nicht erklären können, wie EMDR funktioniert, aber die therapeutische Wirksamkeit steht außer Zweifel und die Methode ist allgemein anerkannt für die Behandlung von Belastungsstörungen.

 

Aufgrund der oben angesprochenen neurowissenschaflichen Zusammenhänge erscheint es mir jedoch durchaus plausibel anzunehmen, dass die regelmäßigen Hin- und Herbewegungen vor den Augen sich im Gehirn in einer räumlichen Bewegungsdynamik widerspiegeln, die einen Prozess der Integration jener isolierten Erinnerungsspuren ermöglicht und in Gang setzt, die bisher keinen Zugang zu einer sprachlichen Aufarbeitung und Wiedergabe haben. 

Dem Verfasser ist es wichtig, dass ihnen sein Beitrag auch gefallen hat und sie etwas daraus lernen konnten.  Ist ihm dies gelungen oder hat er sie zum Nachdenken anregen können?  Klicken sie HIER um ihre Reaktion mit Herrn Dieter Jeromin direkt zu teilen. 

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