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Dieter Jeromin: Spieglein, Spieglein an der Wand… Was wir über die narzisstischen Störungen wissen sollten (Teil 2)

Narcissus, Ausschnitt aus einem Gemälde von John William Waterhouse  (1849–1917) in der Walker Art Gallery in Liverpool

„Narkissos Wunderschön", der Held meiner kleinen Erzählung, trifft auf Anna und beginnt sogleich, diese mit Liebesbeweisen zu bombardieren. Das Zuvorkommen und die ungeteilte Aufmerksamkeit, die er ihr entgegenbringt, lassen sie nicht gleichgültig und sie erwidert seine Komplimente über das gute Aussehen. Die beiden haben bald darauf auch Sex miteinander in seinem Schlafzimmer mit einem großen Spiegel an der Wand. Narkissos verliert keine Gelegenheit, über seinen beruflichen Erfolg als Verkäufer zu prahlen und beginnt auch schnell sich in die Arbeit von Anna einzumischen und ihr zu erklären, wie sie dort alles zu machen hat. Er sagt ihr auch, was sie wann anziehen soll, um toll auszusehen. Wenn sie einmal einwendet, das Regenwetter angesagt ist, versichert er ihr, dass dies auf der Party, zu der er sie mitnehmen will, kein Problem sein wird, obwohl er weiß, das die Party im Freien geplant ist. Anna spürt wie sie mehr und mehr von ihm manipuliert wird und als sie schließlich mitbekommt, dass Narkissos oft lügt und dass er Probleme bei seiner Arbeit bekommen hat, weil er keine Verkäufe abschließen konnte, will sie sich von ihm trennen. Dies löst jedoch bei Narkissos eine Panik aus und er versucht sich und Anna das Leben zu nehmen, weil er plötzlich sein Lügengebäude einstürzen sieht.

 

Dies ist die typische Reaktion eines sogenannten schweren oder toxischen Narzissten. Diese stehen am oberen Ende des gleitenden Spektrums der Schweregrade und machen etwa 1 % der Bevölkerung aus, während die weniger gravierenden Formen viel häufiger vorkommen.

 

Bei dieser Form des Narzissmus ist in der Regel keine Krankheitseinsicht (das heißt Selbsterkenntnis, dass sie unter einer krankhaften Veränderung leiden) möglich und wenn jemand sie darauf anspricht, antworten sie in gutem Glauben, dass sich doch die anderen therapieren lassen sollen, wenn sie leiden. Die betroffenen wurden meistens in ihrer Kindheit so traumatisiert, dass sie zum Selbstschutz gelernt haben, so gut wie alle negativen Gefühle auszublenden, und dies sowohl bei sich selbst wie auch bei den anderen.

Sie haben es sich zur Gewohnheit gemacht, die anderen zu manipulieren und herabzusetzen, um sich dabei selbst aufzuwerten und besser zu fühlen.

Sie haben sich dabei zu hervorragende Lügnern entwickelt und stellen sich als Übermenschen dar. Dabei verstricken sich nach und nach in immer abwegigeren Lügengespinsten. Aber wehe, wenn ihre Schwindeleien auffliegen, denn ihr ganzes Selbstbewusstsein hängt an ihnen. Sie sind dann meist nicht in der Lage, ihre Impulse zu kontrollieren und können über Leichen gehen, wenn sie befürchten, dass sie jemand entlarvt. Oft begehen sie lieber Selbstmord, als zuzugeben, dass ihr Leben eine Lüge war.

 

Ein Zusammenleben mit ihnen wird schnell zum Alptraum und die Psyche des Partners nimmt ernsthaften Schaden. Sie torpedieren das Selbstwertgefühl ihres Gegenübers und machen die anderen Menschen kaputt in dem sie deren Persönlichkeit und Deutungshoheit an sich reißen.

Sie sind wahre Meister darin, jede Schuld für einen aufkommenden Konflikt auf den Partner abzuwälzen. Dieser reagiert dann meist mit vorausschauendem Gehorsam und versucht, bloß nichts falsch zu machen.

 

Es zeigt sich, dass toxische Narzissten sich nicht irgend jemanden auswählen, sondern Partner suchen, die sich bereitwillig unterordnen und meistens selbst in der Vergangenheit Trauma erlitten haben. Diese haben sodann meistens ein geringes Selbstwertgefühl und fühlen sich von Narzissten besonders angezogen, weil sie diese idealisieren können. Dies macht sie sodann auch blind für deren Fehler und Unvollkommenheiten.

 

Die Narzissten hingegen sind selbstbewusst und häufig auch recht erfolgreich im Leben. Es braucht Zeit, bis man einen Blick hinter ihre perfekte Fassade werfen kann und sieht, dass es sich um Narzissten handelt. 

Ihr Erfolg erklärt sich oft dadurch, dass sie selbstbewusst auftreten und sich von Rückschlägen kaum beirren lassen. 

 

Man findet sie besonders häufig in Führungspositionen, denn kaum jemand traut sich seinen Chef oder Vorgesetzten offen zu kritisieren. Die berufliche Karriereleiter ersteigen sie mit großer Selbstverständlichkeit, während andere Menschen öfters bei ihrer beruflichen Entwicklung innehalten und sich fragen, ob sie wirklich eine Beförderung wollen und ob sie den neuen Anforderungen gewachsen sein werden. Derartige Zweifel sind den Narzissten fremd und wenn sie dann erst einmal die Chefposition erreicht haben, vergiften sie das gesamte Betriebsklima. Sie belohnen Ellenbogeneinsatz und belächeln Selbstkritik mit Verachtung.

 

In der Beziehung verwenden sie oft hinterhältige Methoden wie Gaslighting, bei dem sie sich irrational verhalten und dabei ihrem Opfer einreden, es sei verrückt und nicht zurechnungsfähig.

 

Victor Calef und Edward Weinshel haben 1981 dieses Phänomen psychoanalytisch durch Projektion und Introjektion (die “Übertragung”) von psychischen Inhalten vom Täter zum Opfer erklärt. Die Bezeichnung “Gaslighting” selbst geht auf das gleichnamiges Theaterstück  “Gas Light” von 1938 zurück, in dem der Ehemann jedes Mal, wenn er den Raum verlässt, heimlich ein Flackern der Gasbeleuchtung bewirkt, das wieder aufhört, bevor er zurückkommt und sobald seine Frau davon berichtet, bestreitet er, dass so etwas je habe vorkommen können und redet ihr ein, sie wäre psychisch labil, hysterisch oder überlastet und würde sich das alles nur einbilden. Sie wäre daher verrückt und nicht zurechnungsfähig, bis sie dies dann selbst auch glaubt.

 

Sobald der Narzisst es geschafft hat, dass der Partner nicht einmal mehr sich selbst traut, hat er dessen verbleibendes Selbstwertgefühl untergraben und ist er dessen einziger Rettungsanker geworden. Nach einer Weile hat das Opfer in der Beziehung es vollkommen verlernt, sich gut um sich selbst zu kümmern, und schämt sich für Dinge, die für andere ganz normal sind.

 

Der „Narkissos Wunderschön" von oben würde Anna zum Beispiel einreden, dass nur faule Leute nachts länger als sechs Stunden schlafen. Anna hätte sie dann selbst gehasst, wenn sie nach dem Mittagessen auf dem Sofa eingenickte wäre oder den Wecker am Morgen nicht gehört hätte.

 

Eine weitere häufige Form der Manipulation der Gefühle besteht darin, dass „Narkissos Wunderschön" im passenden Augenblick einen Streit beginnt, der Anna wütend macht und sie daran hindert, ihre Arbeit korrekt fertig zu stellen. Danach ergibt sich für ihn die Gelegenheit, sich ihr wieder einmal überlegen zu fühlen und er kann ihr erneut seine guten Ratschläge für ihre Arbeit aufdrängen.

 

Sollte daher jemand den Verdacht bekommen, dass sein Partner ein toxischer Narzisst ist, der ihn oder sie manipuliert, muss unbedingt Hilfe in Anspruch genommen werden. Man sollte mit einer Vertrauensperson darüber sprechen oder sich an eine Beratungsstelle wenden. Solch ein ungutes Bauchgefühl sollte nie auf die leichte Schulter genommen werden, dann man befindet sich möglicherweise in ernsthafter Gefahr.

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