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Dieter Jeromin: Spieglein, Spieglein an der Wand… Was wir über die narzisstischen Störungen wissen sollten (Teil 3)

Teilansicht einer Buchvorderseite mit dem Photo von Pablo Hagemeyer

Wie bereits zuvor erwähnt sind die Therapie-Möglichkeiten bei narzisstischen Störungen begrenzt und viele Therapeuten weigern sich sogar, Narzissten in Behandlung zu nehmen. Die Gründe dafür sind nicht nur die meist fehlende Krankheitseinsicht, sondern auch die Tatsache, dass Narzissten häufig unangenehme Menschen sind, die sich zudem nichts sagen lassen. Sie erwarten, dass der Therapeut das Problem löst und sind nicht bereit, ihren Teil dazu beizutragen. Ein weiterer Grund dafür ist, dass sie fast immer notorische Lügner sind und es unglaublich schwer ist, ihre Probleme im Rahmen von Gesprächen überhaupt zu definieren, geschweige denn zu behandeln.

 

Eine Therapie ist jedoch nicht immer prinzipiell unmöglich, insbesondere bei den leichteren Formen, die die Tatsache akzeptieren, dass bei ihnen ein Problem vorliegt.

 

Es gibt auch Behandlungsstatistiken aus Kliniken, die eine Remission der Erkrankung nach zwei Jahren Behandlung zeigen. Dies ist jedoch keine Heilung und erklärt sich durch die rein quantitative Krankheitsdefinition, die für Rechtfertigung der Diagnose das Vorhandensein einer vorgegebenen Anzahl von Kriterien fordert. Fällt im Laufe einer Behandlung eines dieser Kriterien weg, ist diese Diagnosezuordnung formal nicht mehr gerechtfertigt und der Patient folglich auch nicht mehr als „krank” anzusehen, wenn sich auch das Allgemeinbild seines Zustands dabei nicht wesentlich geändert haben muss.

 

Während die klassische Psychiatrie die Krankheitsbilder klassifizierend und beschreibend angeht, das heißt statisch und unveränderlich, sieht die dynamische Psychiatrie vor allem das Kräftespiel und die Verteilung von Energien, die Veränderungen bewirken können.

 

Als ein Vertreter dieser Richtung in jüngerer Zeit können wir Pablo Hagemeyer ansehen, der 2020 ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Gestatten, ich bin ein Arschloch” veröffentlicht hat. Er bekennt dabei von Anfang an, selbst an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu leiden und er verdeutlicht dies auch anschaulich auf der vorderen Umschlagseite seines Buchs, wo ein großes Porträtfoto von ihm zu sehen ist. 

 

Das Buch ist vornehmlich nicht für Fachkollegen, sondern für die diejenigen, die von dieser Störung betroffen sind und ihre Angehörigen geschrieben.

 

Mit Humor schildert er sich als eine „nette” und daher auch therapiefähige Variante des Krankheitsbilds, am Anfang der Schweregradskala, der die nötige Fähigkeit zur Eigenkritik finden konnte und erkannt hat, dass seine Krankheit behandelt werden kann, wenn er auch eingesteht, dass eine Heilung nicht möglich ist. Dies hat ihm erlaubt, sich selbst und seiner Umgebung weniger zu schaden und trotz seines Egoismus ein annehmbarer Ehemann zu werden.

Es gelinge ihm so, obwohl er auch weiterhin anstrengend, überheblich, egoistisch wäre und häufig Grenzen überschreite, dennoch eine erfüllende Beziehung mit seiner Frau zu führen.

 

Er konnte lernen, seine Gefühle zuzulassen und vernünftig mit ihren umzugehen. Anstatt schwierige und schmerzhafte Gefühle wie Angst, Unsicherheit und Verletzlichkeit abzublocken und zu verdrängen, hat er akzeptiert, dass diese Emotionen ein Teil seines Lebens sind. Dies gelingt jedoch bei Weitem nicht allen Patienten mit dieser Persönlichkeitsstörung, die er hauptberuflich behandelt. Viele von ihnen brechen die Therapie vorzeitig wutentbrannt ab. Eine erfolgreiche Behandlung braucht aber mehrere Jahre und ist harte Arbeit. Narzissten funktionieren nach relativ einfachen Prinzipien, die den Betroffenen allerdings nicht bewusst sind.

 

Er gibt seinen Lesern auch bewehrte praktische Ratschläge, die den Umgang mit dieser Störung möglich machen.

 

Der erste und wichtigste Ratschlag ist Narzissten zu loben. Dies ermöglicht brenzliche Situationen zu entschärfen. Sobald ein Narzisst aufbrausend wird, sollte man ihn loben, denn Narzissten brauchen Lob wie andere die Luft zum Atmen. Ein ehrliches, freundliches Lob – wofür auch immer – nimmt dem Narzissten den Wind aus den Segeln und verschafft den anderen ein wenig Zeit, die Situation abzukühlen und rationaler anzugehen.

 

Sodann ist auch die Art wie wir unsere Kritik formulieren von Wichtigkeit. Eine pauschale Aussage wie „Immer machst du mich nieder!“, funktioniert bei Narzissten nicht. Im Gegenteil, sie wittern darin eine Einladung zur Eskalation. Man sollte daher stattdessen lieber ruhige Ich-Botschaften aussenden, wie zum Beispiel: „Es macht mich traurig, wenn du dieses oder jenes tust.”

 

Des Weiteren ist es wichtig stets eine direkte Kommunikation zu suchen und dafür zu sorgen, dass der Narzisst einem zuhört. Chatnachrichten sind sinnlos. Falls man in einer Beziehung mit einem oder einer netten Narzisstin lebt, ist man sicher daran gewöhnt, dass er oder sie einem nicht zuhört. Man sollte daher ein Berührungszeichen vereinbaren, das man verwendet, wenn man ihm oder ihr etwas mitteilen will. Es ist sodann wichtig, ihn oder sie mit dem Namen anzusprechen, in die Augen zu schauen und zum Beispiel an der Hand oder der Schulter zu berühren. Solch eine Kombination kann häufig bewirken, dass Narzissten aus ihrem Ego-Tunnel heraustreten und zuhören können.

 

Beim Zusammentreffen mit Narzissten im Alltagsleben, ist es am besten, gleich bei den ersten Manipulationsversuchen sich entschieden davon abzusetzen, aber nicht ohne einen lobenden Vor- oder Nachspann, um den Narzissten mit der Aussage überhaupt erreichen zu können. Solch eine Antwort könnte zum Beispiel folgendermaßen formuliert sein: „Als Person finde ich dich ganz in Ordnung und nett, aber  das lehne ich entschieden ab!” Hier kann auch meist schon ein anerkennender Blick Wunder bewirken. Er reicht oft aus, um bei einem Narzissten, etwas von dem so sehr ersehnten Selbstwertgefühl aufzubauen.

 

Wer es mit einem narzisstischen Chef zu tun hat, sollte statt das Problem direkt anzusprechen lieber erklären, dass der Chef Teil des Problems des Teams ist, und dass die negativen Auswirkungen auf alle und damit auch auf ihn zurückfallen, während man ihn dabei gleichzeitig lobt, dass er einen so auserlesenen Geschmack für elegante Krawatten hat oder immer fantastisch elegante Schuhe trägt. Wenn man es schafft dies liebevoll und authentisch zu ihm herüber zu bekommen, ist die Intervention geglückt und er kann sich die Kritik zunutze machen und gegensteuern.

 

Stefanie Paolucci hat in ihrem Buch „Raus aus der Narzissmus-Falle: Glücklich und frei werden nach narzisstischem Missbrauch” (2020) von ihrer eigenen Erfahrung in der Partnerschaft mit einem Narzissten berichtet und geht dabei auch darauf ein, was die Opfer in der Regel ihr inneres Frühwarnsystem überhören lässt.

 

Pablo Hagemeyer warnt indessen auch davor, dass die Fernsehsender und die sozialen Medien narzisstische Charakterzüge zunehmend gesellschaftsfähig machen. Die ständige Selbstdarstellung und -überhöhung führt dazu, dass Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit bewundert und nicht bemitleidet werden, wie sie es eigentlich verdient hätten. Eine perfide Seite des Narzissmus ist, dass er sich häufig tarnt. Wenn jemand erfolgreich und selbstbewusst ist, lässt sich dagegen schließlich kaum etwas einwenden. Aber gegen eine solche Verharmlosung kommen wir nur mit Wissen an und eine Erkenntnis sollte sich überall durchsetzen: Narzissmus ist nicht cool, sondern eine ernsthafte psychische Störung.

 

Der Narzisst durchläuft oft einen sich wiederholenden Zyklus, bei dem er unter den Druck eines fehlenden Selbstwertgefühls zunächst die anderen abwertet und durch Leistung oder Showeffekte eine Selbsterhöhung bewirkt, die dann auch zu Anerkennung führt. Er fühlt sich sodann „super” und waltet in einer amoralischen Hybris von Selbstüberschätzung und Hochmuts, bis es dann irgendwann zu einem Absturz kommt und er, wenn er den Absturz überlebt, dann wieder mit der Abwertung der anderen erneut von unten anfängt.

 

Die Erfahrung zeigt, dass bei weitem nicht jeder Narzisst in die von Pablo Hagemeyer als „netter Narzisst” bezeichnete Kategorie eingeordnet werden kann. 

 

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist Teil der „dunklen Trias” (Dark Trias), die 2002 von den kanadischen Psychologen Delroy L. Paulhus und Kevin M. Williams beschrieben wurde. Diese beinhaltet neben dem Narzissmus auch den Machiavellismus und die (subklinische) Psychopathie.

 

  • Der Narzisst („Die anderen sind dazu da, um mich zu bewundern“) hält sich für etwas Besseres und ist der Meinung, dass ihm Ruhm zusteht.
  • Der Machiavellist („Der Zweck heiligt die Mittel“) legt einen manipulativen Verhaltensstil zutage und kennt keine Grenzen um sein Ziel zu erreichen. Er ist dabei oft heuchlerisch, unehrlich, opportunistisch, promisk und extravertiert. Er verfolgt kalkulierend und rational seine Ziele, ohne Rücksicht auf andere.
  • Der Psychopath („Der andere als Objekt“) ist rücksichtslos, impulsiv und hat keine Angst vor Konsequenzen, was ihn kaltblütig macht. Beim ihm ist die Wahrscheinlichkeit, kriminelle Straftaten zu begehen, am höchsten.
  • Pablo Hagemeyer hat auch, wohl nicht zu Unrecht, thematisiert, dass die Narzissmus-Diagnose oft einen Tabu-Status hat und in unserer Gesellschaft nicht ausreichend thematisiert wird, wie im Fall des früheren US-Präsidenten Donald Trump, den Pablo Hagemeyer einmal ein “psychopathisches Arschloch mit Wiederholungsmuster” genannt hat.

Er mutmaßt, das dies damit zusammenhängen mag, dass Journalisten und Fachleute, die solch eine narzisstische Störung erkennen, oft davor zurückschrecken, diese offen anzusprechen um nicht dabei möglicherweise ihre eigenen narzisstischen Veranlagungen offenzulegen.

Dem Verfasser ist es wichtig, dass ihnen sein Beitrag auch gefallen hat und sie etwas daraus lernen konnten.  Ist ihm dies gelungen oder hat er sie zum Nachdenken anregen können?  Klicken sie HIER um ihre Reaktion mit Herrn Dieter Jeromin direkt zu teilen.

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