· 

Dieter Jeromin: Spieglein, Spieglein an der Wand… Was wir über die narzisstischen Störungen wissen sollten (Teil 5)

Havelock Ellis (1859 – 1939

Während die narzisstische Persönlichkeitsstörung nur selten zur Behandlung kommt und ihr in den Lehrbüchern oft nur einen untergeordneten Stellenwert zugeordnet wird, spielt sie im sozialen Zusammenleben oft eine zentrale Rolle, die um so größer und bedeutender wird je weniger erkannt wird, was sie wirklich ist - nämlich eine krankhafte Wesensveränderung der Persönlichkeit.

Ein jeder wird wohl in seinem Leben mindestens einmal mit einen Fall von narzisstischer Persönlichkeitsstörung konfrontiert werden, aber höchstwahrscheinlich werden es mehr als nur ein einziger Fall sein. Bei einer Häufigkeit von bis zu 10% ist dies statistisch gesehen jede zehnte Person, der wir begegnen und die Störung besteht wohl auch bereits so lange, wie es die Menschheit gibt, aber sie wurde erst in den letzen Jahrhunderten als solche medizinisch erkannt und beschrieben.

 

Der erste Gebrauch des griechischen Mythos von Narziss in der Medizin geht wohl auf einen glänzenden englischen Vorreiter der Sexualwissenschaften zurück, der drei Jahre später als Sigmund Freud geboren wurde. Henry Havelock Ellis (1859 – 1939) galt bereits zu seinen Lebenszeiten als ein Experte für Sexualität, obwohl diese für ihn selbst stets ein Problem blieb. Einige wussten, dass er angeblich bis zum Alter von 60 Jahren an Impotenz litt. Dann entdeckte er, dass er durch den Anblick einer urinierenden Frau erregt werden konnte. Er besuchte ein fremdsprachliches College in der Nähe von Wimbledon und war später auch Gründungsmitglied der sozialistisch orientierten Fabian Society, der auch Bertrand Russell angehörte und traf sich mit anderen Sozialreformern wie dem Schriftsteller George Bernard Shaw. Er schrieb das erste medizinische Fachbuch über Homosexualität, das 1896 zuerst mit dem Titel  „Das konträre Geschlechtsgefühl” in Deutschland gedruckt wurde. Es folgten später noch weitere Werke über verschiedene sexuelle Praktiken und Neigungen sowie über Transgender-Psychologie. Neben dem Autoerotismus identifizierte er den Narzissmus im Sinne einer pathologische Selbstabsorption als eine medizinische Störung.

Ihm kam auch eine bedeutende Rolle in der Bewegung zur Sexualreform zu. Er vertrat die Ansicht, dass sich Anstand („modesty“) und Nacktheit nicht gegenseitig ausschließen müssen und es in vielen Kulturen, in denen die Nacktheit in der Öffentlichkeit nicht tabuisiert ist, dennoch einen ausgeprägten Sinn für Scham und Anstand gibt. Die naturistische Bewegung (auch als Freikörperkultur, FKK, bekannt) basiert auf dieser Idee.

 

In der von Sigmund Freud (1856 – 1939) in Wien gegründeten Psychologischen Mittwochsgesellschaft hat Isidor Sadger (1867 – 1942) den Terminus „Narzissmus“ 1908 in einer Arbeit über Homosexualität verwendet und Otto Rank (1884 – 1939) hat 1811 einen  „Beitrag zum Narzissmus” geschrieben.

Freuds unterscheidet in seinem Aufsatz  „Zur Einführung des Narzissmus” von 1914 die  „narzisstischen Neurosen” von den  „Übertragungsneurosen”. Die  „narzisstischen Neurosen” umfassen hier was wir heute als Psychosen bezeichnen, also die Schizophrenie und die manisch-depressive Erkrankung oder bipolare Störung. Diese sind mit der psychoanalytischen Technik nicht erreichbar, das heisst nicht therapierbar. Ihnen gegenüber stellt er die  „Übertragungsneurosen”, die psychotherapeutisch erreichbar sind.

 

Zu jenem Zeitpunkt, als das Verständnis für die psychiatrischen Erkrankungen noch in Kinderschuhen steckte, formulierte er hiermit ein erstes Unterscheidungskriterium zwischen Störungen, die behandelt werden konnten und solche, bei denen eine Behandlung mit der von ihm ins Leben gerufenen Psychoanalyse nicht möglich war. Und der springende Punkt dabei ist die Übertragung.

Mit dem Begriff Übertragung bezeichnet man in der Psychoanalyse wie auch allgemein in der Tiefenpsychologie den Vorgang, dass ein Mensch alte – oftmals verdrängte – Gefühle, Affekte, Erwartungen (insbesondere Rollenerwartungen), Wünsche und Befürchtungen aus der Kindheit unbewusst auf neue soziale Beziehungen überträgt oder in den aktuellen Umständen und Beziehungen reaktiviert. Die Gefühle, um die es hier geht, sind die Gefühle die die Betroffenen bereits in ihrer Kindheit für ihre Eltern, Geschwister and andere Bezugspersonen hatten. Nachdem sie erwachsen geworden sind und sich vom Elternhaus abgelöst haben, haben sich diese Gefühle jedoch nicht aufgelöst sondern wirken weiterhin im Inneren der nun erwachsen gewordenen Kinder. Sobald diese andere, ihnen bisher unbekannten Personen, kennen lernen, erleben sie diese durch die Schablonen, die sie seit der Zeit ihrer Kindheit in sich tragen ohne dies bewusst zu merken. Dies erklärt warum wir uns manchen Personen, die wir sehen, mehr hingezogen fühlen als andere. Das Aussehen oder die Art des Auftretens bei ihnen erwecken ohne das wir uns darüber bewusst sind, die in uns fortbestehenden Erinnerungsbilder von Beziehungen, die wir früher und zu Beginn unserer Lebens mit den Personen, die für uns wichtig waren aufgebaut haben.

Dies spielt bereits bei dem so oft zitierten   „ersten Eindruck”, den jemand auf uns macht eine Rolle. Jedes Mal, wenn wir jemanden näher kennenlernen und somit regelmässig sehen, beginnt unser Gehirn, ohne dass es uns bewusst wird, ihn in unserem Inneren mit den Erinnerungsbildern von früheren Beziehungen aus unserem Leben in Verbindung zu bringen, obwohl er ansonsten nichts mit ihnen zu tun hat. Und unsere bedeutenden Bezugspersonen spielen dabei eine privilegierte Rolle. Wir “übertragen” die Einstellungen und Interaktionen, die bereits zuvor in unserem Leben von grosser Bedeutung waren auf die Kommunikation, die wir jetzt in der Gegenwart mit den neuen Personen haben, mit denen wir zusammen kommen. Dieser nur allzu banale Effekt, der all unsere Kontakte im täglichen Leben untergründig mitbestimmt wird in der Psychotherapie gezielt genutzt und analysiert. Wenn ein Patient sich einem Psychotherapeuten anvertraut, verläuft seine Einstellung und die Art, wie er den Therapeuten sieht und erlebt, auf den Bahnen seiner früheren Erfahrungen mit der einen oder anderen wichtigen Bezugsperson aus seinem Leben, mit dem Unterschied, dass der Psychotherapeut das, was sonst unbewusst abläuft, das heisst die Übertragung, versucht zu deuten und zu analysieren. Es gibt jedoch psychiatrische Störungen, bei denen keine solche tragfähige Übertragung sich aufbauen will, die eine therapeutische Nutzung zur Erkundung und Behandlung der vorliegenden Störungen erlaubt. Dies sind die damals von Freud so benannten  „narzisstischen Neurosen”, die wir heute wohl eher Schizophrenie nennen und die sich besser mit Medikamenten behandeln lassen. Freud war bei seinem damaligen Erkenntnisstand davon ausgegangen, dass die Lebenskraft, die er mit der Libido (der sexuellen Energie) gleichgesetzt hat, hier in der oralen Phase verankert geblieben ist. Dies ist die Zeit, in der neu das neugeborene Menschenskind all seine Lustempfindungen bei der Nahrungsaufnahme durch die Muttermilch in seinem Mundbereich konzentriert hat. Bei einer normalen Weiterentwicklung verlagert sich der Mittelpunkt dieser Lustempfindung anschliessend von der Mundöffnung auf den analen Bereich (anale Phase) und schließlich mit Ausblick auf die Pubertät in den genitalen Bereich (genitale Phase). Aber bei der von ihm damals so definierten  „narzisstischen” Fehlentwicklung, verbleibt sie  „autoerotisch” im oralen Mundbereich anstatt sich in den anderen Lebewesen zugewandten genitalen Bereich zu verlagern, wie es eigentlich entwicklungsgeschichtlich vorgesehen ist.

 

Dabei hat er sodann auch noch zwei mögliche Varianten zu erkennen geglaubt. Bei der ersten verbleibt die Fixierung der Libido im oralen Bereich ohne je weiter schreiten zu können. Diese nannte er den primären Narzissmus. Bei ihm wäre somit nie ein Verlangen nach jemand aufgekommen, der nicht er selbst wäre und dies entsprach denn auch den schizophrenen Erkrankungen, bei denen keine Übertragung zu erwarten war. Bei der anderen Varianten war hingegen die Entwicklung bis zur genitalen Phase wohl vorangeschritten, aber der Betroffene hat später im Leben seine Libido wieder aus dem Genitalbereich abgezogen und ist in Zustand seiner  frühkindlichen Lustgewinnung im orales Stadium zurückgekehrt oder regrediert (um den Fachausdruck zu verwenden). Dies war der sekundäre Narzissmus für Freud, der davon ausging, das dieser Zustand besonders nach enttäuschter Liebe und nach Selbstwertkränkungen auftritt und letztlich im Laufe jeder Persönlichkeitsreifung eine Rolle spielt. Wenn heutzutage Psychoanalytiker über Narzissmus sprechen, meinen sie stets diese sekundäre Form.

 

Freud selbst hat aber diesen Begriff des Narzissmus in seinen spätere Schriften mehrfach revidiert und angepasst, ohne dass es ihm jedoch je gelungen ist, ihn von allen Unklarheiten und Widersprüchen zu befreien. So wird der Narzissmus an manchen Stellen seiner Schriften als ein normales Durchgangsstadium bei der menschlichen Entwicklung beschrieben und an anderen als eine Form von Perversion.

 

Freud hat versucht, die psychiatrische Erkrankung von Daniel Paul Schreber (1842 – 1911), der 1903 einen autobiographischen Bericht über seine Erkrankung unter dem Titel  „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken” veröffentlicht hat, mit dieser Narzissmus-Theorie zu erklären. Diese Auslegung konnte aber bei weitem nicht jeden überzeugen und führte auch zu einer bleibenden Meinungsverschiedenheit mit seinem früheren Schüler Carl Gustav Jung (1875 – 1961).

 

Freud hat die ungenügende oder fehlende Fähigkeit zur Übertragung auf diese narzisstische Regression zur oralen Phase zurückgeführt. In der heutigen Terminologie wird dies als eine mangelnde Objektbeziehung bezeichnet (im Anlehmung an die Objektbeziehungstheorie, die ursprünglich von  Melanie Klein eingeführt wurde).

 

Es haben mindestens 14 namhafte Psychoanalytiker die Erwägungen zum Narzissmus weiterentwickelt. Ein jeder von ihnen argumentiert diese in einer für sich genommen schlüssigen Weise. Die verschiedenen Argumentationen ergänzen sich weitgehend, ohne dass jedoch die verschiedenen theoretisch Einzelansätze zu einer stimmigen Gesamttheorie zusammengesetzt werden können.

Dem Verfasser ist es wichtig, dass ihnen sein Beitrag auch gefallen hat und sie etwas daraus lernen konnten.  Ist ihm dies gelungen oder hat er sie zum Nachdenken anregen können?  Klicken sie HIER um ihre Reaktion mit Herrn Dieter Jeromin direkt zu teilen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0