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Heilpraktikerin Judith Grobusch: Blutegeltherapie - Teil 1

Heilpraktikerin, Judith Grobusch
Heilpraktikerin, Judith Grobusch

Hirudo - Therapie (Blutegeltherapie)

Teil 1 - Morphologie, Ursprung & Geschichte

Der Blutegel. Die einen ekeln sich vor ihm, die anderen finden ihn klasse. Es verhält sich wie mit dem bekannten Regenwurm, mit dem er eng verwandt ist, denn er zählt zu der Gattung der Ringelwürmer (Annelida). Seit jüngster Zeit erfreut sich die Blutegeltherapie immer größerer Beliebtheit. Die Anwendung von Blutegeln in der Heilkunst ist vermutlich so alt wie die Heilkunst selbst. Diese kleinen Wundertiere sind wahre Helden und das nicht ohne Grund, denn der Speichel der Blutegel ist prall gefüllt mit genialen Wirkstoffen. Hirudin zählt hier zu einer der wichtigsten Wirkstoffe. Blutegel sind Ektoparasiten.

Das heißt, sie ernähren sich von tierischen und menschlichen flüssigen Eiweißen. Wir unterscheiden zwischen zwei Arten von Blutegeln: Hirudo medicinalis und Hirudo verbana. In der Anwendung spielt das aber eine untergeordnete Rolle. 


Morphologie der Blutegel:


Je nach Lebensraum und Nahrungsquelle können Blutegel bis zu 27 Jahre alt werden. In Gefangenschaft können sie eine Länge von 22 cm, eine Breite von 2 - 3 cm und ein Gewicht von 35 g erreichen. In freier Natur werden sie durchschnittlich 12 - 15 cm lang und 1 - 2 cm breit. Ihr Aussehen gleicht einem ovalen Körperquerschnitt, der sich zu den Körperenden verjüngt, vorne mehr als hinten. Um sich fortbewegen zu können, hat der Blutegel sowohl vorne als auch hinten einen Saugnapf, wobei der hintere der größere ist und ausschließlich zum Festhalten dient. Interessant ist der vordere Saugnapf, wo sich die Mundöffnung befindet. Hier befinden sich zahlreiche Berührungsrezeptoren, einige Augen und natürlich der Kieferapparat. Dieser Kieferapparat besteht aus drei strahlenförmig angeordnete Kiefern, die 60 - 100 feine Kalkzähnchen enthalten.

Der Körperbau unterteilt sich in mehrere Körpersegmente, die wiederum in Ringe unterteilt sind, die durch Einkerbungen des Hautmuskelschlauches entstehen. Sie dienen als Reservoir zur Ausdehnung bei der Nahrungsaufnahme. An jedem Saugnapf befindet sich 1 Nervenring, die durch das Bauchmark miteinander verbunden sind. Blutegel besitzen kein Gehirn. Die Atmung erfolgt nicht mittels einer Lunge, sondern durch Gasaustausch, die über die Körperoberfläche stattfindet. Blutegel bewegen sich mit delphinartige Schwimmbewegungen fort; an Land oder festem Untergrund bewegen sie sich spinnen-raupenartig durch abwechselndes Festheften der Saugnäpfe fort. Aufgrund des Wasserreichtums ihrer Gewebe und dem Fehlen eines Verdunstungsschutzes sind sie nur in feuchter Umgebung überlebensfähig. Blutegel häuten sich. Während ihrer Häutungszeit sind sie schlapp und liegen apathisch auf dem Grund. Gelingt es ihnen nicht, die alte Haut abzustreifen, werden die Egel immer matter und sterben dann.

Ursprung & Geschichte:

Blutegeltherapie in der älteren europäischen Medizin

Interessanterweise wurde diese Heilmethode schon in der Steinzeit verwendet. Nachforschungen ergaben eine erste ausführliche Beschreibung von Nicandros Kolophon (‚Alexipharacia‘) um 200-130 v. Chr.


Damals setzte man sie zu folgenden Erkrankungen ein:

  • Chronische Kopfschmerz
  • fieberhafte Allgemeinerkrankungen
  • Epilepsie
  • Ohrenerkrankungen
  • Krankheiten von Leber, Milz und Dickdarm, Ischialgien, Arthritis oder Gicht

Auch der Arzt Galen (129-199 n. Chr.) behandelte die Phlethora-Lehre (Säftefülle) mit der Blutegeltherapie. Schon in der Antike-Zeit erkannte man Erfolge mit Lokalbehandlungen bei fieberhaften und entzündlichen Erkrankungen. Und in der Zeit der Römer wurden sie zur militärischen Wundversorgung eingesetzt.


Blutegeltherapie in Mittelalter und Neuzeit

 

In der arabischen Medizin des Mittelalters gab es Verwendungen bei zahlreichen Hauterkrankungen und Zuständen von sogenannter schwarz-galliger (melancholischer) Natur. Die Blutegeltherapie breitete sich von Italien ausgehend über ganz Europa aus. Sogar im 19. Jahrhundert gab es in ganz Europa einem Blutegelboom, besonders in England und Frankreich. Hier wurden Aderlässe durch Blutegel in fast jedem Behandlungsfall eingesetzt, sodass das bloße Ansetzen zu einem eigenständigen Beruf wurde.

 

Blutegeltherapie in der Moderne

 

Um 1850 fanden eine gewisse Rückläufigkeit der Blutegeltherapie statt, die durch Ausrottung in Europa und dem aufwändigen Import aus Mittelasien herrührten. Ebenso wurde durch die Virchow'sche Zellularpathologie die Wirkung der Blutegeltherapie infrage gestellt (Blutentziehungen). Erst die Entdeckung der Bakterien als Krankheitserreger brachte die Heilmethode in Vergessenheit, weil sich eine Bakterienphobie entwickelte. Doch 1884 entdeckte J.B. Haycrafts eine blutgerinnungshemmende Substanz in Mund und Schlund des Blutegels, das Hirudin, ein wesentliches Ereignis in der Geschichte der Blutegeltherapie. In den 1920er Jahren gab es einen Aufschwung der Blutegeltherapie u.a. durch B. Aschner (1883-1960). Er setzte sie als Ausleitungsverfahren bei allen Entzündungsvorgängen und rheumatischen Erscheinungen, passive Stauungen und spastische Erscheinungen, Thrombosen und Embolien ein. Dennoch kam es nach dem 2. Weltkrieg zu einem erneuten Verschwinden der Blutegel in Mitteleuropa durch die Entdeckung von Heparin und Marcumar als Thromboseprophylaxe / Embolieprophylaxe. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ist eine zunehmende Verwendung bei postoperativen venösen Stauungen in der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie erkennbar. Gleichzeitig findet eine zunehmende Verbreitung der Blutegeltherapie durch die moderne Naturheilkunde im deutschsprachigen Raum als schmerztherapeutischen Ansatz statt. 

Mehr zu Judith Grobusch hier.

 

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