Dr. Dieter Breithecker / Aktion Gesunder Rücken (AGR) e.V.

Sehr geehrter Herr Dr. Breithecker, danke, dass Sie sich die Zeit nehmen für ein kurzes Interview! Als Vorstandsmitglied im Forum Gesunder Rücken — besser Leben e. V., medizinischer Experte im AGR-Prüfungsgremium und Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft sind Sie der perfekte Interviewpartner für unser heutiges Thema: Die Entwicklung des Kinderrückens. Wollen Sie 2-3 Sätze über sich erzählen?

Zwar ist meine berufliche Basis die Sportwissenschaft, aber schon seit Jahren liegt mein inhaltlicher Fokus mehr auf der Bedeutung von Bewegung und ihrem Einfluss auf die komplexen körperlichen, geistigen und seelischen Wechselwirkungsprozesse von Menschen in allen Altersstufen. Nur wenn wir uns in unserer Ganzheit wohlfühlen ist gewährleistet, dass darin auch ein gesunder Rücken beherbergt wird. Bewegung ist für mich deswegen mehr als Sport. Projekte wie die Gestaltung von bewegenden Innen- und Außenräumen haben bei mir einen besonderen Stellenwert.

Spannend! Im AGR-Magazin Nr. 33 Aktion Gesunder Kinderrücken sprachen Sie davon, dass gerade im frühen Kindesalter die Grundsteine für die spätere Gesundheit gelegt werden. Möchten Sie diesen Punkt noch einmal kurz ausführen? 

Die ersten ca. 11 Lebensjahre eines Kindes sind geprägt durch hochsensible sensomotorische und hirnphysiologische Reifungsvorgänge. Das ist eine Altersphase, in der Kinder vielfältige Wahrnehmungs- und Bewegungserlebnisse erfahren. Ein sinnlich – die Sinne betreffend – anregungsreiches Lebensumfeld selbst in Bewegung erkunden, entdecken und gestalten zu können, sind wichtige Handlungen für gesunde biologische und damit auch rückengesunde Entwicklungsprozesse. Sie bilden die Grundlage und die Reserve für das weitere Leben.

Und was können Eltern tun, um die Entwicklung Ihres Kindes in den verschiedenen Entwicklungsstadien zu fördern und spätere Haltungsschäden oder Rückenschmerzen zu verhindern? 

Erstes Jahr: In seinem ersten Jahr entwickelt sich ein Kind bereits rasant. Wichtige Meilensteine der sensomotorischen Entwicklung sind die vielfältigen Sinneserfahrungen der Reize in seiner Umgebung, sowie das Krabbeln und der Beginn des Laufenlernens. Diese Erfahrungen macht das Kind vor allem im Austausch mit seinen Eltern, indem diese es ermuntern, mit ihm reden, es bestätigen und seine Neugier sowie sein Vergnügen an den vielen neuen Dingen teilen.

Von 1-3: Das freie Gehen verbessert sich zunehmend und mit zwei bis drei Jahren ist das Kind bereits in der Lage, zu rennen, zu springen und zu hüpfen. Treppenstufen werden ohne fremde Hilfe erklommen und wieder heruntergesprungen. Kleine Klettererlebnisse werden gemanagt und die ersten Gleichgewichtserlebnisse und -herausforderungen auf niedrigen Mauern oder umgefallenen Bäumen gemeistert. Erwachsenen kommt hier eine hohe Verantwortung zu, diese natürlich angelegten Bewegungsmuster durch vielseitige Angebote – am besten in naturnahen Lebensräumen – zu unterstützen.

Von 3-5: Die bereits erworbenen Bewegungshandlungen werden in ständig erweiterten Herausforderungen und Aufenthaltsorten immer mehr ausdifferenziert. Beim gemeinsamen Aufenthalt auf dem Spielplatz, auf der Wiese, bei Spaziergängen im Park, Wald oder Feld lernt es, sich sicherer und geschickter zu bewegen und eignet sich weitere Bewegungsfertigkeiten an: vorwärts und rückwärts laufen, sich im Kreis drehen, klettern, hüpfen, über und in Pfützen springen, balancieren, Bälle werfen und sie fangen. Bereits ab vier Jahren können Sie Kinder dazu anleiten, Fahrradfahren zu lernen.

Wir merken uns also: Vielseitige Wahrnehmungs- und Bewegungshandlungen sind besonders gut. Jetzt drehen wir das Ganze mal um. Was sind denn die typischen Rücken-Entwicklungsbremsen im frühen Kindesalter?

Eine ungenügende Unterstützung kindlicher Entwicklungsprozesse ist gegeben, wenn man den u. a. oben beschriebenen anlagebedingten und natürlichen Verhaltensbedarfen der Kinder unzureichend gerecht wird und sich wenig gemeinsame Zeit nimmt, ihnen vielseitige Wahrnehmungs- und Bewegungsreize zur Verfügung zu stellen. Auch das Thema Überbehütung ist in diesem Kontext kontraproduktiv. Kinder zeigen uns Erwachsenen, welche Bewegungsqualitäten sie benötigen und was sie bereits allein können wollen. Erwachsene müssen sich nur darauf einlassen, Risiken zulassen, aber Gefahren vermeiden. Fallen lernt man nun einmal nur durchfallen. Kinder benötigen darüber hinaus vor allem Zeit, Empathie und Raum.

So, jetzt wächst das Kind und kommt in die Schule. Hier gibt es ja einige Stolpersteine. Was sollten Eltern unbedingt beachten?

Der größte Stolperstein ist die deutliche Zunahme an Sitzzeit. Dieses Verhalten hat gravierendere gesundheitliche Folgen als ein zeitlich überschaubar getragener Schulranzen. Auch die tägliche Bewegungszeit wird weniger, was wiederum die körperlichen Fähigkeiten schwächt. Mitverantwortlich ist hier auch die vielseitige und zunehmende Nutzung digitaler Endgeräte. Wichtig für Eltern ist es, sich umfassend zu informieren, damit sie die richtigen Weichen stellen können. Die AGR (Aktion Gesunder Rücken e. V. / www.agr-ev.de) gibt auf ihrer Internetseite vielfältige Anregungen, die Sie beim Kauf von rückenfreundlichen Schulranzen bzw. Sitzobjekten beachten sollten. Die Internetseite der BAG (www.haltungbewegung.de) bietet Anregungen, wie Schule und Freizeit bewegter gestaltet werden können.

Haben Sie noch etwas zu ergänzen? Noch weitere Insights und Insidertipps?

Erwachsene sollten sich einmal die Zeit nehmen und die Augen für eine Minute schließen. Lassen Sie jetzt einmal Ihre Kindheitserlebnisse in Ihr Bewusstsein hinein. Hoffentlich eine Kindheit ohne Helikoptereltern und vielen selbstorganisierten aktiven und spannenden Erlebnissen mit Gleichaltrigen in einer natürlichen Umgebung. Auch wenn wir nicht all diese Erinnerungen auf die heutige Zeit reflektieren können, vieles davon ist aber für eine gesunde Entwicklung unabdingbar.

Vielen Dank Herr Dr. Breithecker! Wir freuen uns über diese spannenden Einblicke und Tipps. 

Quelle / Mehr unter: https://www.agr-ev.de/de/kinderruecken

 

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