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Teil 2: Endlich im "Darm-Institut" zum Spiegeln - Wertung: Null von zehn Punkten

Henry Schmitt AdobeStockcom
Henry Schmitt AdobeStockcom

Ende Mai 2017: Innerhalb von zwei Wochen hatte ich über zehn Kilo abgenommen, dazu üble Darmbeschwerden. Die innovativen Reizdarmprodukte aus der Werbung waren an ihre Grenzen gestoßen. Wegen der Schmerzen musste ich schwerere Geschütze aus dem Arzneischrank auffahren. Schmerzmittel, denen schon meine Mutter vertraute. Trotzdem flüchtete ich mich in meine Illusionen – es wird schon nicht so schlimm sein, dachte ich.

 

Schließlich ergriff meine Frau die Initiative. Sie heißt Hannelore. Ich nenne sie Hanni. Gelegentlich entsteht daraus gern ein subtil dahin gehauchtes „Honey“. Hanni jedenfalls kann richtig tough sein. Sie ist Unternehmerin, tatkräftig, dynamisch und hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Andererseits hat sie Züge von Mutter Teresa – warmherzig, einfühlsam, oftmals zu gut für dies Welt. Ein Engel – flügelleicht, aber manchmal in einem Eisenpanzer unterwegs. Und: Sie ist der wundervollste Mensch, den ich in meinem Leben habe treffen dürfen. Ich liebe sie.

 

Hanni machte den Termin und schleppte mich auf Empfehlung eines niedergelassenen Mediziners in ein Ärztehaus mit einem klangvollen italienischen Namen. Als sie mir offenbarte, wo wir da demnächst hingehen würden, sagte ich: „Mal ehrlich, Schatz, wollen wir Pizza und Pasta essen oder bekomme ich in dem Ristorante auch noch eine Darmspiegelung?“ Hanni lachte. Noch.

 

Als wir irgendwann um 16:00 Uhr zum Vorgespräch kamen, hielt sich auch mein Humor in Grenzen. Vor mir saß ein offensichtlich erschöpfter Doktor, der am Ende seiner sehr kurzen fachlichen Erklärung über die ökonomische Leistungsfähigkeit seines koloskopischen Instituts dozierte. „Pro Jahr führen wir rund 3000 Darmspiegelungen durch“, sagte der Arzt leicht ermattet. „Herzlichen Glückwunsch, Herr Doktor“, entgegnete ich. „Da weiß ich ja, dass Ihre Leute das können.“ Er hob den Kopf und grinste. „Meine KfZ-Vertragswerkstatt schafft auch rund 3000 Fahrzeuge im Jahr, die wissen auch, wo der Hase läuft“, antwortete ich. Hanni schaute irritiert. Dem Arzt fiel die Kinnlade runter.

 

Am nächsten Tag rückten Hanni und ich zur Spiegelung an. Mir ging die Muffe, im wahrsten Sinne. Nach einer kurzen Vorbereitung befand ich mich auf einer unbequemen Untersuchungsliege. Hanni wartete vor der Tür, ich bekam die Narkose und der junge wortkarge Arzt mit Doppelnamen leitete die Darmspiegelung ein. Ich weiß nicht, wie lange die Prozedur gedauert hatte, schließlich erwachte ich. Hanni saß auf einem Stuhl an der Wand, und der Doktor begann zu reden, den Blick stoisch an die Decke gerichtet. „Sie haben da einen großen bösartigen Tumor im Enddarm“, hob er an. „Ach“, sagte ich. Hanni war den Tränen nahe. Zunächst.

 

 „Durch die Größe Ihres Tumors konnte ich leider nur nicht in den Darm vordringen. Schon nach ein paar Zentimetern versperrte mir ein etwa Faust großer Tumor den Weg der Sonde. So konnte ich mir nicht den gesamten Darm anschauen. Ob Sie dahinter noch Polypen haben, weiß ich nicht“, berichtete er kühl und starrte weiterhin an die Decke.

 „Und was machen wir jetzt?“, fragte ich benebelt. „Am besten, ich mache Ihnen einen Termin in der Klinik in Kaiserslautern, die nehmen Ihnen erst mal den Tumor raus“. Mir fehlten die Worte. Hanni legte ihre eiserne Rüstung an. „Hören Sie mal, Herr Doktor. Wir wohnen wenige Kilometer von Mainz entfernt. Da gibt es hervorragende Mediziner. Was soll mein armer Mann denn in Kaiserslautern? Das ist von unserem Standort aus fast am Ende der Welt!“

„Hm, ja,“ nuschelte der Arzt. „Ich werde mich mal erkundigen“, sagte er leise: „Ich lasse mir etwas einfallen. Darf ich Sie anrufen…?“

 

„Ja“, sagte Hanni bestimmend: „Dürfen Sie. Wir lassen uns auch etwas einfallen, Herr Doktor.“

 

Wir verließen dieses „Kompetenzzentrum“ irgendwo in Deutschland mit der Erkenntnis, dass ich eine von 3000 Darmspiegelungen an dieser Stelle  hatte erleben dürfen. Hanni schimpfte und bedachte die beiden „Koryphäen“ in Weiß mit einigen Kraftausdrücken, die ich an dieser Stelle nicht wiederholen möchte. Zu benommen war ich, um mich aufzuregen. Das Gehen fiel mir nach Narkose und Diagnose schwer. Dennoch kamen mir noch ein paar Worte dazu in den Sinn: „Ich muss dir rechtgeben, Schatz, hier sind wahrhaftige Spitzenkräfte der medizinischen Zunft am Werke. Wertung: Null von zehn Punkten.“

 

Letztlich standen wir beide unter Schock. Eine Horrordiagnose, denn Krebs im fortgeschrittenen Stadium steht auch heute noch für Qualen, Siechtum und bevorstehenden Tod. Hinzu kam die nicht vorhandene Einfühlsamkeit der Koloskopen, in deren Geschäftsmodell der Patient nur die Grundlage für Abrechnungen beim Kostenträger darzustellen scheint. Da denke ich an meinen Kfz-Meister. Selbst er versteht es, mir freundlich und einfühlsam zu verdeutlichen, warum ich für eine neue Bremsanlage tief in die Tasche greifen muss. Beim Auto geht es um das Thema „Sicherheit“ – für mich und für andere, vermittelt er mir. Beim Krebs geht es leider nur ums Geld – aus Sicht der wortkargen profitorientierten Männer im weißen Kittel.

 

Aber zum Glück fanden wir unseren Weg.  

 

Ich bin nicht der Einzige, den das Schicksal Krebs ereilt. Hierzu kann ich noch einige Zahlen, Daten und Fakten einer renommierten Quelle anführen – dem Robert Koch Institut (RKI), das wegen der Corona-Pandemie aus den täglichen Nachrichten nicht mehr wegzudenken ist:

 

 

https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Darmkrebs/darmkrebs_node.html;jsessionid=3950F46767A6148CAE8D7979D3D6FE98.2_cid372

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