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Teil 3: Das Desaster - und wie es dazu kommen konnte - über Jahrzehnte hinweg

Redaktion Gesundheit Rhein-Nahe · · 6 Min. Lesezeit
Teil 3: Das Desaster - und wie es dazu kommen konnte - über Jahrzehnte hinweg

Der Schock sitzt tief: Ich hatte einen faustgroßen Tumor im Enddarm. Niedergeschlagen war ich, sah mich wie ein Segelboot, das im Sturm auf Grund gelaufen war. Mein Handeln wurde von nun an nicht mehr von mir selbst bestimmt. Ich war auf Hilfe angewiesen. Die richtige Hilfe.

 

Am darauffolgenden Tag nach meiner verhängnisvollen Darmspiegelung meldete sich der sonderbare Arzt, der die Untersuchung durchgeführt hatte. Er druckste am Telefon herum und meinte, er habe die Unterlagen an dieses „Darmzentrum“ des Katholischen Klinikums (KKM) in Mainz schicken lassen. Dort dürfe ich anrufen, um einen Termin zu vereinbaren. Aber das würde schon recht lange dauern…

Ich rief dort an und hatte Frau Meyer-Reinholz am Telefon. „Gut, dass Sie sich melden, wir haben vor einer halben Stunde Ihre Unterlagen bekommen. Der Chef hat sich das schon angeschaut. Am besten Sie kommen direkt morgen früh zum Gespräch mit Professor Heintz…“

 

Ich war total platt. „Das ist aber wirklich sehr schnell“, bemerkte ich. „Ja, der Professor möchte keine Zeit verlieren“, entgegnete Frau Meyer-Reinholz.

Donnerwetter, dachte ich. Vom Regen in die Traufe und jetzt: ein Silberstreif am Horizont.

Ich schaute mir die Website des Darmzentrums an und war recht angetan:

https://www.kkm-mainz.de/kliniken-zentren-und-fachbereiche/zentren/darmzentrum-dkg

Kompetent, informativ – so wie man das von einer modernen medizinischen Einrichtung erwartet. Hanni, meine Frau, war ebenfalls erleichtert. Aber wir wissen auch, dass selbst die ansprechendsten Homepages wenig über die gelebte Praxis aussagen. Eine Erfahrung, die ich unmittelbar hinter mir hatte.

 

Dazu schwebte bei allem, was ich mir hierzu überlegte, die Frage über mir: Wie konnte es soweit kommen? Ein faustgroßer Tumor im Dickdarm entwickelt sich nicht von jetzt auf gleich…

 

Heute weiß ich, dass zahlreiche Faktoren bei der Entstehung einer Krebserkrankung eine Rolle spielen können.

 

Grundlage sind nach Ansicht der meisten Mediziner sowie meiner persönlichen Einschätzung genetische Veranlagungen. Bei der Betrachtung meiner Familiengeschichte und meiner eigenen Jugend erhielt ich die wichtigsten Anhaltspunkte. Mein Großvater väterlicherseits, den ich sehr bewundere, weil er sich geweigert hatte, in die NSDAP einzutreten, starb an Darmkrebs. Meine Großmutter mütterlicherseits erlag in den 50er Jahren einem Lungenkrebsleiden. Mein Vater, im zweiten Weltkrieg traumatisiert und Kettenraucher, starb 2003 an Kehlkopfkrebs.

 

Im Alter von 14 Jahren, ereilte mich selbst das Schicksal. 1978 diagnostizierten die Ärzte nach einem Unfall bei mir einen bösartigen Hodentumor mit Befall der unteren Lymphknoten. Drei Jahre war ich daraufhin in Behandlung, galt später als geheilt.

Heute weiß ich: Der Krebs bestimmte das Leben meiner Familie und noch mehr mein eigenes - bis heute.

 

Doch welche Faktoren begünstigen darüber hinaus die Entstehung von Tumoren? Nach meiner Einschätzung sind es vor allem Fehler in der Ernährung und Stress. Enormer Stress.

Es beginnt mit der Ernährung. Heute weiß man, dass der Genuss von „rotem Fleisch“ die Entstehung von Darmkrebs fördert. Auch der regelmäßige, starke Konsum von Alkohol trägt dazu bei, das Krebsrisiko zu erhöhen.

 

Aber schlechte Ernährung und der Konsum von Alkohol kommen nicht von ungefähr. Es sind die Lebensumstände – und letztlich Stress, ja extremer Leistungsdruck.

 

Seit meinem Studium bin ich so etwas wie ein Workaholic. Meine Abschlussarbeit an der Uni schrieb ich bei immensem Kaffeekonsum. Unter 20 Tassen mit je zwei Würfeln Zucker pro Tag ging gar nichts. Dazu wenig Schlaf, wenig Essen, schlechtes Essen. Am Ende wurden intellektuelle Leistung und körperliche Auszehrung mit dem Angebot auf eine Promotionsstelle belohnt.

Ich musste ablehnen, weil meine Eltern nicht begütert waren und ich für meinen eigenen Lebensunterhalt komplett geradestehen musste. Ich schrieb daraufhin knapp 100 Bewerbungen, kassierte dafür gefühlte Millionen von Absagen, wurde depressiv.

 

Dazu trank ich immer wieder diesen billigen, überzuckerten, minderwertigen Kaffee in solchen Mengen, die für einen Eintrag ins Guinness-Buch der Negativ-Rekorde taugten. Mein Vater bekam davon Sodbrennen - ganz nebenbei. Daneben Fastfood, billiges fettiges Fleisch, massenhaft gekochte Kartoffeln, Suppen mit Lauch, deren Zubereitung mein Vater in den Feldküchen der deutschen Armee in Mangelzeiten kennengelernt hatte. Auch die Qualität des Essens in der Mensa, die ich sechs Jahre lang aufsuchen durfte, hielt sich in Grenzen. In engen Grenzen. Es war die schlechteste Hochschulkantine in unserem Bundesland, wie eine Untersuchung schon damals ergab.

 

Schließlich bekam ich einen Job. Als Einsteiger musste ich Vollgas geben, um voranzukommen. Die Konkurrenz war groß und viele ältere Kollegen nicht wirklich hilfreich. Ich arbeitete viel, trank jeden Abend eine Flasche Wein, um abzuschalten, aß wenig, manchmal mittags sogar überhaupt nichts, weil noch irgendwelche Aufträge dringend, dringend erledigt werden mussten. Der physische Raubbau im Zeichen des erträumten Eigenheims und des fetten Automobils nahm weiter zu. Hinzu kamen Probleme mit der Bandscheibe und Migräne-Attacken.

 

Es herrschte eine latente Mobbing-Kultur, die nach dem Tod meines geschätzten Chefs und beruflichen Vorbilds in einen offenen, harten Kampf mündete. Ich verließ das Unternehmen.

 

Die neue Firma war anders, die Grundlagen besser: mehr Geld, mehr Verantwortung, spannendere Projekte, klasse Kollegen, mit denen man Pferde stehlen beziehungsweise sich beim Mexikaner in der City hemmungslos betrinken konnte. Yannick musste nach einem dieser After-Work-Saufexzesse den Führerschein abgeben. Aber die Party ging weiter. In der Woche rödelte ich wie ein Weltmeister, 14 Stunden Arbeit am Tag? Normal. Am Wochenende trafen wir uns zum Saufen. One-Night-Stands gab es ebenfalls - wenn der Alkoholspiegel auf einem "optimalen Level" stand. Stark extrovertiert waren wir, aber noch weit genug vom Kontrollverlust entfernt.

 

Rasch stand ich auf der Liste für eine weitere Beförderung. Aber irgendwie wurde nichts daraus. Ein Kollege von mir bekam den Job, er konnte arbeiten wie ein Tier. Die ultimative Maschine. Später erfuhr ich, dass er Kokser war. Irgendwie hatte ich es immer im Gefühl…

 

Ich machte mich daraufhin selbstständig. Was soll ich sagen? Die Show ging weiter – unter anderen Vorzeichen. Ähnliche Musik, der gleiche Tanz. Die Rahmenbedingungen waren angenehmer. Mir wurde klar, dass ich nie wieder als Angestellter arbeiten würde. Ich hatte keine Migräne mehr und auch die Bandscheiben hörten auf, mich zu quälen. Dafür kam der Druck, ständig neue Aufträge an Land ziehen zu müssen.

 

Auf Urlaubsreisen verzichtete ich ebenfalls. Über all die Jahre hinweg. Warum ich nicht verreise, fragten Freunde mich oft.  "Der große Philosoph Immanuel Kant hat zeitlebens seinen Geburtsort Königsberg nie verlassen", entgegnete ich augenzwinkernd. Die Geschichte stimmte. Dennoch war ich auch hier - wie bei meinen Ernährungsgewohnheiten - gewaltig auf dem Holzweg.

 

Wenn ich mir erlaube, im Lichte der deutschen Leistungs-, Bauspar- und Statusideale eine persönliche Bilanz zu ziehen, komme ich mit 57 Jahren zu folgendem Ergebnis:

 

Eigenheim - freistehend: ja

Fettes Automobil: ja

Bankkonto: korrekt

Freizeit: wenig bis sehr wenig. Heute viel, viel mehr

Gescheiterte Beziehungen: da war einiges. Heute eine glückliche Partnerin.

Alkoholkonsum: sehr heftig. Heute nichts mehr.

Drogen: keine

Gesundheit: Darmkrebs mit Metastasen in Leber und Lunge

 

Lebenserwartung: ungewiss… 

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