Foto: Brad Klontz hat 2011 vier Money Scripts definiert

Wir haben bereits angesprochen, dass der Umgang mit Geld nicht immer rational erfolgt. Dies hängt zum einen mit der hohen mathematisch-kognitiven Kompetenz zusammen, die hierfür erforderlich ist, uns aber nicht immer zur Verfügung steht (wie z.B. bei dem System 1 von Daniel Kahneman oder im Autopilot-Modus wie ihn Jon Kabat-Zinn beschrieben hat), zum anderen mit den Erfahrungen, die wir bereits seit unserer frühen Kindheit in Bezug auf den Umgang mit Geld gemacht haben. Diese formen unbewusste Grundüberzeugungen, die dann unser finanzielles Verhalten das ganze Leben über steuern. Es handelt sich um ungeschriebene Regeln, die aufgrund unserer Ansichten, Einstellungen und Glaubenserkenntnisse die Art und Weise bestimmen, wie wir unsere finanzielle Vision angehen, diskutieren und fördern oder auch nicht. Die individuelle Entwicklung verläuft wohl prinzipiell bei jedem Menschen etwas anders, aber Brad Klontz war der erste, der hierzu 2011 (veröffentlicht im Journal of Financial Therapy) eine systematische Untersuchung durchgeführt hat.

Er hat dabei zunächst die Reaktion der befragten Personen auf Aussagen, wie die folgenden, untersucht:

„Es gehört sich nicht, über Geld zu sprechen“ und „Es wäre alles besser, wenn ich nur mehr Geld hätte“.
Er fragte sie sodann, wie ihre Eltern über Geld gesprochen haben und insbesondere:

  • Ob sie an den Cents geknausert und einen sparsamen Lebensstil gepflegt haben?
  • Ob sie wegen Geld gestresst waren?
  • Ob sie das Thema Geld überhaupt besprochen haben und wie?
  • Ob sie Verachtung für Menschen mit sehr viel oder sehr wenig Geld hatten?

Diese Aspekte wurden bis dahin bei den gängigen Psychotherapieformen nicht systematisch berücksichtigt.

Bei der Auswertung der erhobenen Daten ist es ihm gelungen, vier verschiedene Grundausrichtungen zu identifizieren, die er als „Geld-Skripte“ (money scripts) definiert hat: Die Geldvermeidung (Money Avoidance), die Geldanbetung (Money Worship), bei der die Betroffenen glauben, dass eine Erhöhung des Einkommens oder ein plötzlicher Geldsegen alle ihre Probleme lösen werde, der Geld-Status (Money Status) bei dem die Betroffenen nach dem Status hungern, der sich aus den Dingen ergibt, die man mit Geld kaufen kann und die sich leicht verschulden, da sie Geld als den Schlüssel zum Leben sehen, und die Geld-Wachsamkeit (Money Vigilance), bei denen, die  es vermeiden, über ihr Einkommen oder Vermögen zu sprechen, andererseits aber durch ihre übermäßige Vorsicht beim Ausgeben auch davon abgehalten werden, die Vorteile dessen zu genießen, was Geld kaufen kann. 

Im Bereich der Psychotherapie hat hiervon das erste Skript der Geldvermeidung besondere Bedeutung. Es ist eines der typischen Symptome bei geringem Selbstwertgefühl und geht hier mit dem Glauben einher, dass wir es nicht wert sind, Geld zu verdienen. Ein anderer Aspekt dieses Phänomens ist auch oft die Angst davor, Geld zu haben. Die konkrete Auswirkung im Leben der Betroffenen ist ein geringes Einkommen und Vermögen. Brad Klontz hat gesehen, dass vermehrt jüngere Patienten davon betroffen sind, was er mit einer noch fehlenden Lebenserfahrung in Zusammenhang gebracht hat. Die Wurzeln liegen aber tiefer. Bei der therapeutischen Aufarbeitung finden sich hier immer wieder Assoziationen, bei denen Geld in einem direkten Zusammenhang mit negativen Gefühlen oder schmerzhaften Ereignissen steht. Die Betroffenen sind daher meistens zu der Überzeugung gelangt, dass das Geld die Wurzel alles Übels ist. Dies hat typischerweise vier konkrete Auswirkungen:

Die erste Auswirkung ist ein bereits von Sigmund Freud eingehend erläuterter Abwehrmechanismus, die finanzielle Leugnung (financial denial). Die Psyche der Betroffenen versucht, das sich aufdrängende Problem des Geldes, für das sie keine Lösung sieht, dadurch zu bändigen, dass sie es einfach minimiert und versucht, nicht daran zu denken. Die Betroffenen vermeiden es, ihre Kontoauszüge zu öffnen und bezahlen keine Kreditschulden, was dann unweigerlich zu Verzugszinsen und letztlich hohen Schulden führt. Sie vermeiden es auch, mit ihren Lebenspartnern über Geld zu sprechen und sparen keinerlei Vermögen an.

Die zweite Auswirkung kann als finanzielle Ablehnung (financial rejection) bezeichnet werden. Es entsteht bei ihnen ein unmittelbares Schuldgefühl, sobald Geld zusammen kommt, was wiederum für ein weitergehendes niedriges Selbstwertgefühl sorgt. Ein anschauliches Beispiel hierfür mag die bekannte französische Sängerin Barbara (1930-1997) sein. Wir wissen, dass sie in ihrer Kindheit missbraucht wurde, wenn sie dies auch nie explizit zugegeben hat. Wenn sie als namhafte Sängerin bedeutende Geldsummen ausbezahlt bekommen hat, hat sie dieses Geld sogleich an gemeinnützige Organismen weitergehen und so gut wie nichts davon für sich selbst behalten. Geschwächt durch eine ungesunde Ernährung ist sie sodann an einem toxisch-infektiösen Schock verstorben. 

Man beobachtet diese Störung auch oft bei Menschen, die eine große Summe Geld im Rahmen einer Erbschaft erhalten und dies dann schnell ausgeben. Dies kann auch bei Lottogewinnen gesehen werden. So hat z.B. William Post 1998 in Pennsylvania 16,2 Millionen Dollar in einer Lotterie gewonnen. Weniger als fünf Jahre später hatte er das gesamte Geld verloren, Bankrott erklärt, eine Freiheitsstrafe abgesessen, war obdachlos und sechsmal geschieden. Bei dieser Form von finanzieller Ablehnung spielen neben vermeintlichen Schuldgefühlen auch die bereits erwähnte hedonistische Anpassung (man gewöhnt sich schnell an den kaufbaren Luxus) eine Rolle. Man verliert aus den Augen, dass es mehr braucht als schöne Annehmlichkeiten, um dabei Glück zu finden. Man muss jedoch die Dinge auch wertschätzen und genießen können. Andere Auswirkungen finanzieller Ablehnung sind das Ablegen eines unbewussten “Armutsgelübdes” oder ganz allgemein das Vermeiden des Erwerbs von Vermögen.

Die dritte Auswirkung liegt bei dem unterdurchschnittlichen Ausgeben von Geld (under-spending), das auftritt, wenn Menschen sich emotional arm einstufen und sich dabei weigern, das was sie haben zu nutzen und zu genießen. Andernfalls haben sie ein schlechtes Gewissen, weil sie befürchten, das sie ihre Mittel für etwas Besseres und Wichtigeres hätten verwenden können. Bei der Angst vor dem Geld (Chrematophobie) spielt zudem die Furcht mit, ohne Geld zu verbleiben.

Bei der vierten Auswirkung, der übermäßigen Risikoabneigung (excessive risk aversion),  kommt eine irrationale Abneigung hinzu, mit seinem Geld irgendwelche Risiken einzugehen und die Betroffenen tun lieber nichts mit ihrem Geld, als etwas davon zu verlieren. 

Wie wir gesehen haben ist Geld mit so vielen Gefühlen, Erwartungen und Bedeutungen beladen, dass es kaum gelingen mag, rational damit umzugehen. Unsere ureigene Irrationalität lässt uns leicht  überschätzen, wie viel Geld wir haben und wie viel wir davon künftig sparen werden. Wir sind anfällig für Werbung, die unsere Bestätigungsfehler ausnutzt und nehmen auch leichtfertig Kredite auf, insbesondere wenn wir einen Geldbetrag nicht materiell sehen können, wie bei dem Gebrauch von Kreditkarten. In Großbritannien ist so zum Beispiel die Zahl der Privatverschuldungen seit der Einführung der Kreditkarten 1990 um mehr als das Dreifache angestiegen.  

Daher ist es wichtig uns, sei es in der Psychotherapie oder auch außerhalb dieser, ausgiebig mit den irrationalen Vorstellungen vom Geld zu befassen und uns dabei auch klar zu machen, dass das Maß unseres Wohlstands weitgehend durch erlernte Denk- und Verhaltensmuster vorprogrammiert ist. 

Dieser letzte Aspekt wurde eingehend von T. Harv Eker (geb. 1954 in Toronto) in seinem Buch “Secrets of the Millionaire Mind: Mastering the Inner Game of Wealth” (2005) dargelegt. Er rät dabei den bisher erfolglos dahin treibenden aber lernbereiten Lesern zum täglichen Wiederholen von mantra-artigen Sätzen wie die nachfolgenden:
„Ich denke wie ein Millionär“ oder „Mein Geld arbeitet hart für mich und verdient immer mehr.“

 

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